Der Fred Wigg Tower am östlichen Rand des Londoner East End liegt nur knapp drei Kilometer vom Olympiagelände entfernt. Aber zwischen dem tristen 17-stöckigen Hochhaus im ärmlichen Stadtteil Leytonstone und dem nagelneuen olympischen Dorf und seinen hypermodernen Sportstätten samt gigantischem Luxuseinkaufszentrum liegen Welten. Trotzdem spielt der 45 Meter hohe Block, der mit seinem verwitterten beige-grün-blauen Anstrich den Charme der späten 1960er versprüht, bei diesen Sommerspielen eine tragende Rolle: Das Verteidigungsministerium stationiert auf dem Gebäude und fünf weiteren Hochhäusern in Ost- und Südlondon Luftabwehrraketen, um mögliche Terrorangriffe aus der Luft abzuwehren.
„Eine Schande ist das. Das ist schließlich jemandes Zuhause und nicht irgendeine Militärbasis“, empört sich Simon Rayner (26), der als Kind hier wohnte und am Donnerstag kurz zuschauen wollte, wie die Soldaten die Raketen auf dem Dach installieren. Viel zu sehen gibt es nicht: Eine Handvoll Uniformierter eilt geschäftig zwischen dem abgesperrten Hof und dem Eingang hin und her. Ein Polizeimannschaftswagen steht an der gegenüberliegenden Straßenecke, ein Kamerateam der BBC wartet auf Action.
Doch nur wenige Bewohner, viele von ihnen Sozialhilfeempfänger, lassen sich blicken. Mohammed Akram lebt mit seiner Familie schon mehr als zehn Jahre im ersten Stock. „Natürlich haben wir Angst, zur Zielscheibe zu werden“, sagt der 45-Jährige mit dem gepflegten Kinnbart, während er misstrauisch die Soldaten in seinem Hof beäugt. „Der Hauptzweck dieser Anlage ist doch, dem Rest der Welt zu zeigen, wie gut gerüstet Großbritannien ist. Aber wenn jemand böse Absichten hat, wird er versuchen, sie zu sabotieren. Oder vielleicht dreht auch einer von den Soldaten durch. Wer weiß?“ Mohammed klingt resigniert: Er und seine Nachbarn sind mit ihren Protesten gegen die Raketen auf ihrem Dach gescheitert. Am vergangenen Dienstag hat der Londoner „High Court“ ihre Klage abgewiesen – die Maßnahme sei gerechtfertigt, die Anwohner seien vorab ausreichend informiert worden.
Die Erleichterung bei der Regierung dürfte dagegen groß gewesen sein – denn im olympischen Sicherheitskonzept herrscht knapp zwei Wochen vor der Eröffnungsfeier ein heilloses Durcheinander: Die private Sicherheitsfirma G4S, die für 300 Mio. Pfund 13.000 Sicherheitskräfte stellen sollte, musste vergangene Woche einräumen, dass erst 4000 dieser zivilen Kräfte einsatzbereit sind. Laut Medienberichten soll die Firma bei den notwendigen Sicherheitsüberprüfungen und der Ausbildung ihrer Rekruten, viele von ihnen Schulabsolventen, hoffnungslos hinter dem Zeitplan sein. Zwar versicherte das Unternehmen, die noch fehlenden Kräfte „seien in der Pipeline“. Doch darauf mochte sich Innenministerin Teresa May nicht verlassen: Sie forderte eilig weitere 3500 Soldaten an. Insgesamt marschieren beim größten Einsatz des britischen Militärs in Friedenszeiten nun 17.000 Soldaten auf – fast doppelt so viele, wie derzeit in Afghanistan stationiert sind.
Schwäne statt Terroristen. Immerhin: Der Londoner Einsatzort ist deutlich geruhsamer, jedenfalls für die beiden Soldaten, die an diesem Vormittag am Ufer des Lee River Wache schieben. Der Fluss begrenzt das Olympiagelände im Westen. Direkt hinter dem sechs Meter hohen Elektrozaun ragt das hangarähnliche Medienzentrum in den ausnahmsweise blauen Himmel. Einer der Soldaten hat sich in das improvisierte Zelt zurückgezogen, der andere beobachtet ein Schwanenpaar, das mit seinen drei grau gefiederten Jungen einen Ausflug macht.
„Mir ist es lieber, die Soldaten passen auf uns auf, als Leute von irgendeiner Privatfirma. Die wissen wenigstens, was sie tun“, sagt Kfz-Mechaniker Kevin Coots (53), der sich im Hof des Lebensmittelgroßhandels „Essex Grain & Flour Company“ auf der anderen Uferseite ein Stück flussaufwärts eine kleine Pause gönnt. „Natürlich mache ich mir Sorgen vor einem Anschlag, wir sind hier so dicht dran. Ich kann nicht fassen, dass sie zwei Wochen vor Beginn nicht genug Sicherheitskräfte haben. Wenn sie nicht mal das schaffen, was geht dann noch schief?“
Wie viele Londoner hat Coots kein grundsätzliches Problem mit dem militärischen Großaufgebot. Aber wie viele seiner Nachbarn im East End fürchtet er die Auswirkungen der Sicherheitsvorkehrungen: Um den zusätzlichen Verkehr in diesem stets verstopften Teil Londons halbwegs zu verkraften, wollen die Behörden einige Straßen sperren – darunter auch die Lkw-Zufahrt zum Hof des Großhändlers, für den Coots arbeitet: „Wir sollen uns auf die Spiele freuen, wissen aber nicht, ob wir am Ende noch Arbeit haben.“
Lästig. Auch Ruth-Anne Macqueen (28) aus Clapton hat schon vor Beginn der Spiele die Nase voll von Olympia: In „Friedenszeiten“ radelt die angehende Ärztin über den Uferziehweg am Lee River zur Arbeit – doch einer der wichtigsten Fahrradwege der Stadt wurde schon Anfang Juli bis Ende September aus „Sicherheitsgründen“ überraschend gesperrt. „Um wessen Sicherheit geht es da eigentlich?“, empört sich Macqueen. „Ich habe kein Auto. Für mich ist das so, als würde man eine vierspurige Schnellstraße einfach mal sperren.“ Dass Londons Oberbürgermeister Boris Johnson seine Bürger animiert, aufs Fahrrad umzusteigen, um dem drohenden Verkehrskollaps bei Olympia zu entgehen, hält Macqueen daher für einen schlechten Scherz: „Als wir gehört haben, dass die Spiele hier stattfinden, haben wir uns so gefreut. Aber mittlerweile denke ich, dass das alles einfach nur lästig ist.“
12.000 Polizisten
stehen bereit, um die olympischen Veranstaltungen abzusichern, davon 9000 in London.
17.000 Soldaten sind zur Unterstützung der Polizei abgestellt, darunter Suchhundestaffeln und Bombenentschärfungsteams.
13.000 private Sicherheitsleute sind neben den staatlichen im Dienst.
Typhoon-Kampfjets sichern den Luftraum. Auf der Themse liegt das Amphibienangriffsschiff HMS Ocean; die Segelbewerbe überwacht das Landungsschiff HMS Bulwark.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.07.2012)
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