Las vegas/Wien. Juan Antonio Samaranch, der ehemalige langjährige Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, wollte 1992 grandiose Heimspiele erleben. Auch musste sich der Chefolympier ja dringend etwas einfallen lassen, um das nach Seoul 1988 und dem Dopingskandal von Ben Johnson ramponierte Olympia-Image aufzupolieren. Also nahm der Spanier Kontakt mit David Stern, dem Commissioner der National Basketball Association, auf und fand einen Verbündeten.
Amerikas Collegespieler hatten zuletzt bei den Spielen empfindliche Niederlagen hinnehmen müssen. IOC und NBA litten darunter, es war schlecht für Verhandlungen mit TV-Sendern und Sponsoren. Es musste eine Revolution her. Mit Stars, Glamour und weltweitem Aufsehen. Samaranch kippte die für Basketball geltende Amateurregel – damit war der Weg frei für die Superstars der Profiliga. Stern sagte im Gegenzug sofort zu, „das beste Team aller Zeiten“ nach Barcelona zu entsenden. Die Mission: „Bring back the gold.“
„Angola? Angola is in trouble!“
Als bekannt wurde, dass Michael Jordan, Magic Johnson, Larry Bird und andere Superstars der besten Basketball-Liga der Welt in Barcelona spielen würden, brach ein unglaublicher Hype los. Tickets waren im Nu ausverkauft, und Geldgeber öffneten ihre Budgets. Als die Stars schließlich die olympische Manege betraten, glich es einem Auftritt der Rolling Stones. Nicht nur Fotografen und Fans standen Schlange um Bilder und Autogramme, auch Gegner. Mitunter sogar während der Spiele...
Es war ergreifend, wie die Spieler, die man bislang nur aus Fernsehübertragungen kannte, auftrumpften. Jordan glänzte mit Würfen und Dunkings, der bereits mit dem HI-Virus infizierte Johnson brillierte mit Pässen. Bird warf Dreier, Pippen spielte jeden schwindlig. Barkley und Ewing hatten unter dem Korb Spaß. Über ihre Gegner wussten sie nichts. Nur so viel: „Angola? Ich weiß nichts über Angola“, sagte Charles Barkley über den Auftaktgegner. „Doch, eines: Angola is in trouble!“
Alle Spiele der Amerikaner waren ausverkauft, und die Gegner wurden mit 40 oder 50 Punkten Unterschied besiegt. Nur einmal, im Finale, lagen sie gegen Kroatien – mit Dražen Petrović und Toni Kukoč – in Rückstand. Das Spiel endete 117:85, Amerika hatte seine Ehre zurückgewonnen, die NBA einen neuen Markt und das IOC ein prestigeträchtiges Zugpferd für Olympia gefunden.
Der Begriff „Dream-Team“ wurde fortan zum Trademark für den US-Basketball bei Olympia. Das ist es auch heute noch, obwohl vom Glanz dieser Mannschaft trotz zahlreicher Stars wie Kobe Bryant oder LeBron James nur noch ein Hauch spürbar ist. Der Rest der Welt hat aufgeholt. Argentinien, Litauen, Spanien und Griechenland sind ebenbürtige Gegner. Und vom damals höchst einseitigen Spektakel sind nur noch Erinnerungen allgegenwärtig.
Es gibt nur ein „Dream-Team“
Lakers-Star Bryant will das nicht wahrhaben. Er gewann fünf Mal den NBA-Titel und 2008 Olympia-Gold, er gilt als eitel und eigen. Er sagt: „Das aktuelle US-Team würde die 92er-Auswahl schlagen. Viele Flügelspieler waren alt und standen vor dem Ende ihre Karriere. Wir würden sie schlagen.“
Dieses Statement entfachte in Amerika eine heftige Debatte. Naturgemäß sehen es Jordan und Co. anders. „Ich habe nur gelacht“, sagte Jordan der Nachrichtenagentur AP. „Es war nicht das Klügste, beide Teams miteinander zu vergleichen. Kobe meint, dass wir nicht athletisch genug waren. Okay, aber wir waren clever.“ Auch Barkley ist empört. „Ich muss sie nicht schlechtmachen. Sie würden uns nicht besiegen!“ Aber, so Barkley, man werde es nie herausfinden. Ein direktes Duell ist aufgrund des Altersunterschieds unmöglich.
Eine Werbung für Basketball, wie sie 1992 geschehen ist, wird es in dieser Form nie wieder geben. Auch, ob Amerika jetzt in der Vorbereitung die Dominikanische Republik mit 113:59 besiegt hat oder selbst in London Gold gewinnen wird, lässt keinen zuverlässigen Vergleich und Rückschluss zu.
Für Basketballfans weltweit gibt es jedoch kaum Zweifel. Das „echte“ Dream-Team, also die Mannschaft von 1992, bleibt für immer unerreichbar.
Das Basketballteam der USA trat 1992 unter weltweitem Aufsehen bei den Spielen in Barcelona erstmals als „Dream-Team“ – mit NBA-Profis – auf und gewann ungeschlagen Gold. Auch zwanzig Jahre danach ist Amerika wieder der Topfavorit auf Olympiagold.
Der Kader von 1992: Laettner (Duke), Robinson (San Antonio), Ewing (NY Knicks), Bird (Boston), Pippen und Jordan (Chicago), Drexler (Portland), Malone und Stockton (Utah), Mullin (Golden State), Barkley (Phoenix) und Magic Johnson (L.A. Lakers).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.07.2012)
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