Haben Sie Ihren Auftritt als Fahnenträger eigentlich geübt?
Markus Rogan: Ich hatte zwar eine Fahne, aber keine Stange. Insofern hat sich das Training als schwierig herausgestellt. Ich wollte nur nichts falsch machen.
Kann man denn dabei etwas falsch machen?
Und wie. Man kann die Fahne verlieren, stolpern oder vor lauter Aufregung der eigenen Mannschaft davonlaufen. Es hat schon Fahnenträger gegeben, die haben die vordere Nation eingeholt.
Ihr erster olympischer Auftritt in London ist jedenfalls geglückt. Sind Sie für Ihre Starts im Wasser zuversichtlich?
Ja, weil ich merke, dass sich alle Entbehrungen im Vorfeld, die brutalen Trainingseinheiten und sämtliche Wutausbrüche gelohnt haben.
Woraus schließen Sie diese Erkenntnis?
Ich verspüre eine riesige Vorfreude, kann stolz behaupten, dass ich alles für diesen Wettkampf getan habe. Ich vergleiche meine Vorbereitung mit einem Rendezvous.
Schildern Sie uns Ihre Gedanken?
Vor einem Rendezvous müssen Sie vieles erledigen. Sie brauchen genug Geld für das Abendessen, die richtige Kleidung, das richtige Restaurant. Und beim Abendessen selbst müssen Sie Ruhe bewahren. Dann können Sie die Dame vielleicht mit nach Hause nehmen.
Sie klingen entspannt, dabei geht es doch um sehr viel.
So ist es auch wieder nicht. Ich bin noch nie zu Olympischen Spiele gefahren und habe dieses Ereignis als Spiele gesehen. Das ist die brutalste Ironie überhaupt. Der ernsthafteste Wettkampf der Welt wird Spiele genannt. Das ist eigentlich bescheuert.
Haben Sie einen Vorschlag?
Olympische Ernsthaftigkeit.
Was sieht die finale Vorbereitungsphase im Wasser aus?
Ich probe verschiedene Teilmomente des Rennens. Den Start, die Wende, das alles im Idealfall in Wettkampfgeschwindigkeit. Man probt den Ernstfall. Nicht zehn Mal, sondern ein Mal am Tag. Die Kunst ist es, etwas nicht irgendwann, sondern im richtigen Moment zu beherrschen. Bei Olympischen Spielen schwimmen statistisch gesehen nur zehn Prozent persönliche Bestzeit. Das war in der Vergangenheit oft mein Glück. Ich konnte Dinge nur dann, wenn es darauf ankam.
Können Sie kurz vor dem Wettkampf noch an etwas anderes als an Olympia denken?
Ich kann seit 30 Jahren meinen Kopf nicht ausschalten. Und seit zwei Jahren denke ich an nichts anderes mehr als an Olympia, 24 Stunden am Tag. Während des Wettkampfs bin ich nicht dumm genug, um meinem Körper einfach die Arbeit verrichten zu lassen. Ich würde gern mit dieser Hirnwichserei aufhören. Aber mehr als ein paar Sekunden Ablenkung sind unmöglich.
Wie gelingt es Ihnen, sich für einige Sekunden abzulenken?
Das passiert nicht aktiv, sondern eher zufällig. Bevor ich nach London gereist bin, habe ich ein Trainingslager in der Schweiz absolviert. Als ich ohne Zeitnahme durch einen See geschwommen bin, habe ich für kurze Zeit an gar nichts gedacht. Das war wunderschön. Ich wünschte, ich könnte so richtig dumm sein und mir gar keine Sorgen machen.
Sehnen Sie den Moment herbei, in dem der olympische Druck von Ihnen abfällt?
In Wahrheit habe ich Angst davor. Ich habe Angst vor dem endlosen Unglück. Sollte ich anschlagen und wie in Peking wieder Vierter sein: Bist du wahnsinnig, damit müsste ich den Rest meines Lebens leben.
Wird diese Angst mit jedem Tag größer?
Ja, klar. Die wird immer größer, je näher der Wettkampf kommt.
Könnten Sie diese Angst nicht in irgendeiner Form verdrängen?
Verdrängen wäre das absolut Falsche. Du musst sie akzeptieren und damit arbeiten. Im schlimmsten Fall kann ich drei Tage vor dem Wettkampf nicht schlafen. Im besten Fall nimmst du die Angst als Motivator. Wenn du Todesangst hast, bist du am stärksten.
Plagen Ihre Konkurrenten ähnliche Sorgen?
Die Hirnwichser schon. Also die, die zu viel im Kopf haben. Manche sind richtige Naturburschen wie Ryan Lochte, der hat überhaupt kein Problem damit. Beim Skifahren war Hermann Maier auch so ein Naturtyp. Der hat die Strecke gesehen und sich einfach gedacht: „Ich fahre da runter.“ Stefan Eberharter hat viel mehr nachgedacht. Tennisspieler Andy Murray ist ein extremer Fall. Den hat es von allen Sportlern am schlimmsten erwischt. Und ich fürchte, ich habe ein wenig vom Murray-Syndrom.
Sie haben Ihre letzten beiden Rennen vor Olympia über 200 Meter Lagen und 200m Meter Kraul in Abwesenheit der Weltelite gewonnen. Ein letztes Doping für den Kopf?
Ich werde bei den Spielen zu 100 Prozent nicht Erster. Vielleicht wäre es demnach besser gewesen, ich wäre beim „L.A. Invite“ Dritter geworden. Ich werde es erst nach Olympia wissen, ob diese Siege etwas gebracht haben.
Was wissen Sie über die Vorbereitung der US-Topstars Ryan Lochte und Michael Phelps? Sie gelten als Favoriten über Ihre Paradestrecke, die 200 Meter Lagen?
Wenig bis gar nichts. Die Amerikaner sperren sich im Vorfeld von Olympia weg, da kommst du nicht ran, geschweige denn, dass du mit ihnen trainieren könntest.
Beachvolleyballer Clemens Doppler wurde bei seiner Olympia-Premiere 2008 von der Größe und Bedeutung der Veranstaltung regelrecht erdrückt. Lassen Sie sich bei Ihren vierten Spielen davon noch beeindrucken?
Ich kann Clemens verstehen, obwohl er bei seiner Größe eigentlich keine Angst haben sollte (lacht). Mir ist es in Sydney 2000 ähnlich ergangen. Mittlerweile gefällt mir dieses Bewusstsein. Es ist schön, daran erinnert zu werden, dass es sich bei Olympia um einen entscheidenden Wettkampf handelt. Der Sport ist wie ein Droge, und Olympia ist knapp vor der Überdosis. Nein, eigentlich ist das die Überdosis. Eine Europameisterschaft bekommt mit den Jahren einen gewissen Beigeschmack: „Na ja, Olympia ist es nicht.“ Ich bin jetzt schon so lange dabei, dass ich schon die große Menge an „Stoff“ brauche, um es noch zu spüren.
1982
wird Markus Rogan am 4. Mai in Wien geboren.
2000
beginnt er mit seinem Wirtschaftsstudium in Stanford, Kalifornien.
2001
gelingt Rogan bei der WM in Fukuoka der Durchbruch. Über 200 Meter Rücken gewinnt er Silber. 33 weitere Medaillen bei Großereignissen folgen.
2004
erobert Rogan bei den Olympischen Spielen in Athen zwei Silbermedaillen.
2008
wird Rogan bei den Olympischen Spielen in Peking über 200 Meter Rücken Vierter. Er erlebt die größte Enttäuschung seiner Karriere.
2012
bestreitet Rogan in London vermutlich sein letztes Großereignis. Über 200 Meter Lagen erhofft er sich eine Medaille.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.07.2012)
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