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Schwanger am Schießstand

28.07.2012 | 17:18 |   (Die Presse)

Nur Suryani Mohamed Taibi schreibt nicht nur als erste Schützin aus Malaysia Olympia-Geschichte, die 29-Jährige ist auch im neunten Monat schwanger.

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„Pssst – die Mama schießt gleich. Bleib ruhig. Und bitte – nicht stören!“ Bevor Nur Suryani Mohamed Taibi am Schießstand den Abzug drückt, würde sie ihr Baby im Bauch wohl noch am liebsten in den Schlaf singen. Strampelt das winzige Wesen, irritiert es die Mutter – und geht der Schuss vielleicht daneben. Hochschwanger ist die Sportschützin aus Malaysia zu den Olympischen Spielen nach London geflogen, und man glaubt es kaum: Im neunten Monat bestritt die 29-Jährige den wichtigsten Wettkampf ihrer Laufbahn. Die werdende Mutter steht in der 35. Woche am Schießstand.

Inzwischen sei ihr Bauch schon populärer als sie selbst, sagt sie lachend. Anfang September soll die Tochter zur Welt kommen. „Ich weiß, dass ich bei Olympia nicht allein bin. Mein Baby wird bei mir sein und mir die Kraft geben, um so einen schwierigen Wettkampf in Angriff zu nehmen“, sagte die Siegerin der Commonwealth Games von 2010, derzeit die Nummer 47 der Weltrangliste.

„Manche sagen ja, wenn man schwanger ist, kann das deine Leistung verbessern. Ich weiß nicht, ob das klappt, physisch gesehen. Aber ich bin sicher, dass ich mental stärker bin.“ Doch untrainiert geht das auch nicht: Das Luftgewehr darf immerhin bis zu 5,5 Kilogramm wiegen, in 75 Minuten muss sie stehend 40 Schuss abfeuern. Bevor sie zum Schießstand geht, will sie ihrer Tochter sagen: „Die Mama schießt jetzt mal für eine Weile. Könntest du bitte einfach mal ruhig sein?“

Taibi ist nicht nur die einzige schwangere Athletin, die in London an den Start geht. Sie ist auch die erste Gewehrschützin aus Malaysia bei Olympia. Für ihr Glück will sie alles geben. Malaysias Marine, bei der sie als Logistikoffizier arbeitet, stellte sie für ein Jahr frei. „Für mich ist nichts unmöglich, das ist eine Herausforderung. Wenn ich aufgegeben hätte – wer weiß?“

Im Jänner gab sie ihre Schwangerschaft bekannt, zwei Tage, bevor sie sich in Doha, Katar, das Olympia-Ticket sicherte. Ihre Schwangerschaft hat Taibi sogar beflügelt, das Bäuchlein hat sie nicht gestört. Beim Weltcup im April in London erzielte sie 392 Ringe von möglichen 400. Im Mai schoss sie in Mailand 394 und in München 396 – persönliche Bestleistung.

In London fehlte ihr dann doch einiges nach 40 Schüssen in 75 Minuten auf die Weltspitze. Der jungen Frau tat es aber nicht weh, zu groß war die Freude, erstmals bei Olympia gewesen zu sein. Platz 34, damit sei sie zufrieden. „Mein Ziel ist, alles perfekt zu machen. Dann kommen die Ergebnisse irgendwann schon“, meinte die Sportlerin. Das gleiche Los traf Stephanie Obermoser. Die Tirolerin wurde 19., sie verpasste die Top 8 um zwei Ringe. Nächsten Samstag steht für die 23-Jährige das Kleinkaliber-Dreistellungsmatch an.

Die erste Goldmedaille dieser Spiele gewann die Chinesin Yi Siling.


Baby bei Olympia.
Jahre nach den Spielen, wenn ihre Tochter alt genug sein wird und alles versteht, dann will ihr Suryani Mohamed Taibi vom gemeinsamen Ausflug nach London erzählen: „Sie kann sehr glücklich sein: Sie war noch nicht einmal geboren und trotzdem schon bei Olympia.“

Die Asiatin ist nicht die erste Schwangere unter den fünf Ringen: 2008 hatte die Tschechin Katerina Emmons im Auftaktwettbewerb der Peking-Spiele Gold mit dem Luftgewehr geholt. Fünf Monate später kam Tochter Julia zur Welt. Österreichs Wildwasserkanutin Violetta Oblinger-Peters war bei ihrem Bronzemedaillengewinn in China ebenfalls bereits schwanger.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.07.2012)

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