Amerika und die Welt sind noch immer schockiert von den Vorfällen, die sich vor Kurzem bei der Uraufführung des neuen „Batman“-Films in Aurora, nahe Denver, ereignet haben. Bei einem Massaker verloren zwölf Menschen ihr Leben, über 50 weitere wurden schwer verletzt, und einmal mehr kochte in Amerika eine hitzige Debatte über das Waffengesetz auf.
Der freie Zugang müsse reguliert werden, fordern entsetzte Politiker, deren Willen zu einer Kurskorrektur aber an der Macht der amerikanischen Waffenlobby zerschellen wird.
Das Thema beherrschte die Medien, und nicht erst seitdem der Täter vor dem Richter steht, läuft die Ursachenforschung. Parallel dazu beginnen an diesem Wochenende bei den Sommerspielen in London die Schießbewerbe. Es mag für viele weit hergeholt klingen, schließlich stehen bei den Schießständen Sportler, die auf Scheiben und Tontauben feuern. Dennoch, beim Skeet oder Trap sind es keine Luftpistolen oder -gewehre, sondern Flinten. Beim Jagdparcours sind Flinten in den Kalibern 12, 16, 20, 28 und 410 erlaubt, Skeet und Trap unterscheiden sich nur dadurch, dass es keine vorgegebenen Standorte der Auswurfmaschinen der Tontauben oder vorgegebene Flugbahnen gibt. Die Munition ist die gleiche: Schrot.
Mit dem Gewehr aufgewachsen. Amerika ist kaum überraschend in dieser Disziplin führend. US-Schützen sind stets Medaillenanwärter, vor allem die 33-jährige Kimberly Rhode. Sie steht seit ihren Kindertagen am Schießstand, weil sie ihre Eltern dazu gebracht und diesen „Sport“ auch zu ihrem Lebensalltag gemacht haben. Bei Olympia hat Rhode bereits Großes erreicht. Sie gewann erstmals 1996 in Atlanta Gold, als Siebzehnjährige wurde sie zur jüngsten Olympionikin im Schießsport. Bis dato stehen noch ein Sieg in Athen und zwei weitere Medaille zu Buche, und Rhode hat in London eine historische Chance. Die Schützin könnte Amerikas erste Einzelathletin werden, die Olympiamedaillen bei fünf nacheinander folgenden Spielen gewinnen konnte – mit ihrer Waffe.
„USA Today“ widmete ihr in der Vorberichterstattung auf die Spiele in London eine ganze Seite. Ein großes Bild zeigt sie in Jägermanier, die Flinte geschultert und geöffnet, all ihre Medaillen um den Hals. Dass wenige Seiten zuvor noch groß über Waffen, deren Notwendigkeit und das Leid, das sie der US-Gesellschaft angetan haben, berichtet wird, findet in diesem Artikel keine Erwähnung. Schießen und Schüsse, das passt nicht ins Weltbild Amerikas. Es ist ein Widerspruch. Waffen bedeuten Freiheit.
„Es ist ein wirklich tolles Gefühl, das eigene Kind bei den Olympischen Spielen zu bewundern“, sagt ihr Vater, der Marine-Biologe Richard Rhode, dessen Vorfahren Rancher in Montana waren, und bei denen der sichere Umgang mit der Waffe zum guten Ton gehörte. Daran hat sich bis heute noch nichts geändert, die Familie wohnt sogar auf einer „shooting range“, einem Schießplatz. Der Vater sagt: „Meine Frau und ich bekommen feuchte Augen, wenn wir Kim mit dem Gewehr sehen. Sie hatte ja auch gar keine andere Chance, als selbst mitzumachen. Sie ist ja mit dem Schießen groß geworden.“
Was nach einer Erklärung klingen mag, ist in Wahrheit der Versuch einer Rechtfertigung. Sie solle machen, wonach sie Lust verspüre, fügt ihr Vater hinzu. Und in diesem Punkt dulde er auch keinerlei Widersprüche, von niemandem. Seine kleine Tochter habe doch schon immer gern auf Dosen und Papierblätter geballert, jetzt sind es eben Tontauben. Auch waren sie gemeinsam auf Safaris in Afrika, „danach hat sie begonnen, Speere zu sammeln“, erzählt der stolze Vater und verschweigt nicht, dass seine Tochter stolz darauf war, Banteng-Wildrinder geschossen zu haben. Der American Way of Life ist für ihn eng mit dem freien Waffenzugang verbunden, aus Schutz, Selbsterfüllung und Spaß. Angst oder Bedenken werden nie angesprochen, es gilt nahezu als Tabu am Schießstand.
Richard Rhode rechnet vor, dass seine Tochter bereits zwei Millionen Runden – Konkurrenzen mit Munition und Zielscheiben – bestritten hat. Vor den London-Spielen feuerte sie 1000 Schüsse pro Tag ab. Ein naturgemäß nicht billiges Vergnügen kann ein sehr teurer Spaß werden. Eine Runde, sagt Rhode, kostet in Monrovia, Kalifornien, einen Dollar. Damit wurden von seiner Tochter zwei Millionen Dollar „verschossen“.
Medaillen, ein AC Cobra. Die Medaillen verwahrt die Familie in ihrem Safe; noch vorsichtiger geht Tochter Kim aber mit ihrem anderen Spielzeug, einem AC Cobra, einem britischen Rennwagen aus den 1960er-Jahren, um. Wer so einen Flitzer besitzen will, muss dafür mitunter schon 300.000 Euro auf den Tisch blättern.
Kim Rhode, die nebenbei auch als Ko-Moderatorin der TV-Sendung „Step Outside“ tätig ist und Veterinärmedizin an der California State Polytechnic studiert, benützt ihn vorwiegend fürs „man trolling“, erzählt sie unverblümt: um Männer anzuziehen, das meint sie damit, und ihr Ehemann, Mike Harryman, biss bei diesem Köder sofort an. Beide wohnen nun auf dem Gelände ihrer Eltern, und es muss somit nicht extra betont werden, dass auch das neue Familienmitglied dem Waffengebrauch nicht abgeneigt ist...
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.07.2012)
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