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Olympia: Schneller als der Herr Superstar

29.07.2012 | 18:34 |  MARKKU DATLER (LONDON) (Die Presse)

Ye Shiwen begeistert China mit Gold und Weltrekord, der Rest der Welt rätselt. Die 16-Jährige kraulte auf den letzten 50 Metern schneller als US-Star Lochte. Sun Yang erobert als erster Chinese historisches Gold.

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Vor dem Aquatics Centre im Londoner Olympia-Park steht ein Heer chinesischer Reporter. Die meisten sind vom TV-Sender CCTV, sie plaudern wild durcheinander, rauchen, lachen, gestikulieren: Kurz zuvor gewann mit dem 20-jährigen Sun Yang erstmals ein Chinese olympisches Schwimm-Gold. Yang triumphierte über 400 Meter Kraul. Dass er in 3:40,14 Minuten knapp den Weltrekord verpasst hat, kratzt in diesem Augenblick niemanden.

Als 25 Minuten später Chinas nächste Goldmedaille feststeht, die 16-jährige Ye Shiwen siegt über 400 Meter Lagen – der Kombination aus Delfin, Rücken, Brust und Kraul – in Weltrekordzeit, bricht heilloses Chaos unter den chinesischen Journalisten aus. Selbst beim Gedränge in der Mixed Zone, in dem sich Athleten nach Bewerben der Presse stellen, überflügeln sie an diesem Abend die Amerikaner. So mancher setzt gegen seinen Landsmann auch gekonnt einen Ellbogencheck ein.

 

„Sie sieht aus wie ein Mann!“

Es ist die überlegene Art und Weise, mit der sich China im Schwimmbecken zur Weltmacht aufgeschwungen hat, die bei diesen Spielen überrascht. Dass die Damen aus dem „Reich der Mitte“ seit Barcelona 1992 konstant olympisches Edelmetall gewinnen, daran ist man in dem Land, das 1,4 Milliarden Einwohner zählt, gewöhnt. Erfolg wird verlangt, von Politik, System und Medien. Also macht man ihn, mit dem üblichen Ablauf. Ye, die in Hangzhou nahe Schanghai lebt, wurde als Sechsjährige über das Schulprogramm zum Schwimmen gebracht.

Bei der WM in Shanghai 2011 schrieb sie als 15-jährige Weltmeisterin erstmals Schlagzeilen. „Bei Olympia, hier in London“, sagt eine Reporterin von CCTV, „wird sie ein Superstar. Sie ist nicht aufzuhalten.“ Einer Kollegin, die sicherheitshalber ihre Akkreditierung und damit den Namen verdeckt, missfällt das. Sie sagt: „Ye sieht für mich aus wie ein Mann.“

Eine harte, wenn nicht sogar gemeine Aussage für eine 16-Jährige, die jedoch einer gewissen Ironie und Brisanz nicht entbehrt. Ye, 1,72 Meter groß und 64 kg schwer, war die letzten 50 Meter Kraul in 28,93 Sek. nämlich schneller geschwommen als der Amerikaner Ryan Lochte (29,10). Das beweist die offizielle Resultatsliste des IOC. Auch ein ganz anderer Vergleich imponiert und irritiert zugleich. Ye schwamm über den letzten Abschnitt, also 100 Meter Kraul, exakt so schnell wie ein gewisser Johnny Weissmüller. Der „Tarzan“-Darsteller hatte 1928 in Amsterdam in 58,68 Sekunden triumphiert.

Das gibt Nahrung für die üblichen Doping-Spekulationen, in China ist es jedoch die Sensation. Eine Sechzehnjährige schwimmt schneller als ein Mann, obendrein ein Amerikaner. Aber das hatte die kritische Journalistin zu diesem Zeitpunkt noch nicht gewusst ...

 

Sportliche DNA aus Australien

Dennoch, ein gewisses Unbehagen scheint in der Chlorwasser-Familie zu herrschen. Tägliches Training, Drill, Klub, Ausbildung – das klingt ähnlich der Machenschaften, die über kindliche Turner und Gymnastinnen die Runde machen. Über Ausbeutung, Qual oder Missbrauch ist aber nichts bekannt. Der erste Weltrekord in London – in Peking waren es mit den seit 2010 verbotenen Ganzkörper-Anzügen 25 – ist ebenfalls offiziell.

Obendrein hält ein höchst anerkannter Trainer die schützende Hand sowohl über Ye Shiwen als auch Sun Yang. Es ist der Australier Dennis Cotterell, der schon aus Grant Hackett einen Superstar und zweifachen Olympiasieger geformt hat. Bei ihm erhielten beide von der Partei geförderten Sportler Sonderschichten. Er zeigte ihnen Tricks und Tipps, nahm sie heuer im März sogar – das war bislang in China undenkbar – an der Gold Coast in einem Trainingslager auf.

Australien ist von chinesischen Importen und Rohstoffen abhängig, die sportliche DNA wollte man Down Under im Austausch aber partout nicht hergeben, also erntete Cotterell harsche Kritik. Dass er deshalb ein Verräter sei, dementierte der „Guru“ entschieden. Es sei ein Job, ja, und dafür bekomme er Geld. 50.000 Dollar sollen es sein, die China dem Australier dafür überwies. Das sei für ihn eine Jahresgage.

Cotterell steht seit 41 Jahren neben dem 50-Meter-Becken in Miami, sieben Kilometer von Surfers Paradise entfernt. Ihm mache keiner etwas vor und man könne ihm auch nichts erzählen, was seine Methoden oder Ideen anbelangt. „Ich habe das Potenzial beider schnell gesehen“, sagt der Coach. „Mit ihnen kann man Resultate erzielen, die den ganzen Planeten interessieren.“ Chinas Machthaber dürften ihm für diese Aussage einen weiteren Scheck überweisen.

Zurück bleibt ein letzter, sehr zarter Hauch Ironie. Sun Yang verpasste den Weltrekord um 0,07 Sek. Für China ist das mehr als nur ein „Liebesgruß aus London“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.07.2012)

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6 Kommentare

Deja Vu

Irgendwie kommen da Erinnerungen an die DDR-Schwimmerinnen hoch.

Gast: HUBERTUS
30.07.2012 12:08
0 0

egal

Da die WADA in China nicht kontrollieren darf und es dort keine nationale Anti-Doping behörde gibt, darf mann Ergebnise von chinesischen Sportlern nicht allzu ernst nehmen. Auch wenn beim Wettbewerb nicht gedopt wird, bringt der Einsatz von Dopingmitteln wärend des Trainings einen großen Vorteil.

Aber die Gesamtzeit ist 13 Sekunden länger!

MaW die Männer schwammen die ersten 200 m (Delfin und Rücken sind Kraftdisziplinen) wesentlich schneller, verausgabten sich dabei, die nächsten 200 m etwa gleich schnell.

Liebe Redaktion: alle Zeitungen melden, die Chinesin wäre schneller gewesen als der schnellste Mann, was so nicht stimmt.

Interessant wäre, wie sich die Einzelzeiten bei den vorhergehenden Weltrekorden verhalhielten.


Gast: frankenstein
30.07.2012 11:23
0 0

Was Genmanipulation...

..so alles zustande bringt - einfach toll!
Vielleicht gibts ja auch bald vierbeinige Sprinter, die sind dann so schnell wie ein Gepard.....

Gast: Bademeisterin
30.07.2012 11:04
3 0

Die chinesischen Chemiker dürften absolute Weltklasse sein!


Gast: b754
29.07.2012 19:24
2 1

gendoping scheints also zu geben