London. Das Aquatics Centre im Olympiapark von London ist prall gefüllt. Laufend brandet Applaus auf, es tönt Musik, und auch langsame Schwimmer aus Thailand oder von den Seychellen werden angefeuert. Als aber die Elite über 200 Meter Delfin startet, wird es still, vor allem im letzten der fünf Durchgänge. Da setzt Dinko Jukić ein Ausrufezeichen, er gewinnt den Vorlauf in 1:54,79 Sekunden und lässt sogar US-Superstar Michael Phelps in der Bahn neben ihm hinter sich. Der Applaus von 7000 Besuchern gehört in diesem Augenblick nur ihm.
Am Abend folgt das Semifinale. Erneut muss sich Jukić gegen Phelps behaupten. Diesmal hat der Amerikaner die längere Hand, er siegt in 1:54,53 Minuten. Jukić zieht trotzdem ins Finale ein, 1:54,96 Minuten reichen zu Platz 6 im Semifinale. Ob er heute (20.49 Uhr, ORF1) eine Medaille gewinnen kann, bleibt abzuwarten.
Der Applaus der Zuschauer gebührt in diesem Augenblick erneut ihm. Dass dem 23-Jährigen so viel Anerkennung zuteil wird, geschieht selten. In Österreich wird der streitbare, unnahbar auftretende Sportler oft angefeindet. Er nimmt sich kein Blatt vor den Mund, das mag auch eine Frage der Erziehung sein. Er geht sofort in die Offensive, ohne Rücksicht auf Verluste. Jukić scheut vor keinem Konflikt zurück, wenn es um Sport, Ansehen oder die Familie geht. Seine Reaktionen wirken aber ungestüm, er lässt sich nichts, gar nichts sagen. Auch in London nicht, obwohl mittlerweile selbst bis zu ihm durchgedrungen sein muss, dass ihm nach Olympia eine Sperre ob „grober Verfehlungen" bei der EM in Debrecen - er insultierte dort Mannschaftsführer, Verbandsvertreter etc. - blüht.
Das finale Duell mit dem Verband
Jukić bestätigte nach dem Vorlauf erstmals diesbezügliche Berichte der „Presse". Sorgen habe er keine: „Sollen die doch machen, was sie wollen. Eine Sperre ist mir wurscht. Der Verband muss aufpassen - er spielt mit heißem Wasser."
Mit zu heißem Wasser spielt man sich nun wirklich nicht. Jukić kokettierte damit aber ganz gezielt. Es geht um zwei Tatsachen: Nach Olympia wird Markus Rogan seine Karriere beenden, und er selbst könnte, sollte der Disput mit einer Sperre ausufern, nach Kroatien übersiedeln. Und der Verband stehe dann schlagartig ohne prominente Sportler da. Jukić: „Das ist dann aber nicht meine Schuld."
Jukić war in Fahrt gekommen und konnte sich Seitenhiebe nicht mehr verkneifen. Er bestritt süffisant lächelnd, jemals gesagt zu haben, „dass ich nie wieder für Österreich schwimme." Im gleichen Atemzug fügte er aber hinzu, dass der Staffelverzicht richtig war und er so lange, bis sich seine Gegner aus dem Vorstand des Schwimmverbandes - er nahm Präsident Paul Schauer und Generalsekretär Thomas Gangel explizit aus -, zurückgezogen hätten, aufrecht bleibe. Freiwillig wird aber kein Funktionär seinen Sessel räumen . . .
Mit dem Disziplinarverfahren wollte sich Jukić bei Olympia nicht beschäftigen, doch nachdem sich alle Fragen darauf konzentrierten, müsse er reagieren. Dass er nicht im Verbandsbüro angetanzt war, um seine Stellungnahme abzugeben, rechtfertigte er mit der Tatsache, „im Ausland auf Trainingslager" gewesen zu sein. Die Ausführung gebe es schriftlich, obgleich er „mit Bürokratie wirklich nichts anzufangen" wisse.
Über die Vorwürfe wisse er nicht Bescheid, deren Intention jedoch verstehe er dafür gut. Er sagte es, wie immer, mit der klagenden, trockenen Stimme, mit einer Tonlage, die dem gebürtigen Kroaten seit jeher Schwierigkeiten bereitet. Als ÖVP-Kandidat, Sportler oder bei der unlängst diffus verlaufenen Doping-Causa. „Die Wahrheit wird am Ende siegen; ich nehme das Verfahren ernst dann ernst, wenn ich das Protokoll von der Schlägerei bei der WM 2009 von Markus Rogan gesehen habe. Das sorgte weltweit für Aufsehen, und nichts passierte. Mich will man sperren? Ich habe wirklich den falschen Nachnamen . . ."
Dass das Finale oder eine Medaille die Wogen glätten könnten, ist ausgeschlossen. Jukić bestätigte zudem erneut den Verzicht auf die Meisterschaften, die nach Olympia stattfinden. Die finale Konfrontation rückt unaufhaltsam näher.
OSV-Präsident Paul Schauer wollte sich weder zu diesen Aussagen noch zu dem Verfahren noch zu einer Sperre äußern.
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