Ruta Meilutyte weinte, blickte orientierungslos um sich; ihre Knie zitterten, als sie die hohen Stufen des Siegerpodests gemeistert hatte. Die Schwimmerin hat bei den Sommerspielen in London mit ihrem Sieg über 100 Meter Brust in 1:05,47 Minuten Historisches vollbracht. Sie ist die erste Litauerin, die im Schwimmbecken olympisches Gold gewinnen konnte. Ruta Meilutyte war von diesem Augenblick, den vielen Blitzlichtern und Kameras überwältigt. Sie hatte Angst, sie weinte bitterlich. Das ist nicht weiter verwunderlich, sie ist noch ein Kind. Ruta Meilutyte ist erst fünfzehn.
Die Schwimmbewerbe werden in London von Kindern und Teenagern dominiert. Erst gibt die 16-jährige Chinesin Ye Shiwen der Sportwelt mit ihrem Fabelweltrekord über 400 Meter Lagen ein Rätsel auf. Sie schwamm im Finish schneller als die besten Männer. Seit Montagabend ist auch Missy Franklin, der erst 17-jährige Teenie-Star aus Amerika, Olympiasiegerin über 100 Meter Rücken, und schenkt man den Worten von Experten Glauben, folgen noch weitere „Kinder“ auf dieser Erfolgsspur.
Ein nahezu „männlicher“ Antrieb
Dieser Trend, so erfreulich er für die siegreichen Sportlerinnen auch sein mag, hinterlässt doch viele offene Fragen. Warum erobern noch so junge Schwimmer plötzlich Medaillen, wieso sind sie deutlich schneller als erfahrene, seit Jahren im Chlorwasser ansässige Größen? Werden Kinder systematisch gedopt, um sie als Werbestars und Aushängeschilder der nächsten Generation zu verkaufen?
Ihre Trainer liefern jedoch vollends nachvollziehbare Erklärungen. Franklin schwimme seit neun Jahren, zudem habe sie Schuhgröße 45, also einen nahezu „männlichen“ Antrieb. Nicht umsonst wird sie in Amerika schon als „weiblicher“ Michael Phelps gefeiert. Ye Shiwen schwamm erstmals im Alter von sechs Jahren, trainiere täglich vier Stunden und übe mit einem australischen Schwimm-Guru, den sich China 50.000 Dollar pro Einsatz kosten lasse. Geld spielt bei den Großmächten keine Rolle, auch gibt es ausreichend Personal. Aber in Litauen?
Das Geschäft mit den „Wunderkindern“ ist mit der Olympiasiegerin über 100 Meter Brust um eine Episode reicher. Ruta Meilutyte kommt aus Kaunas, sie verlor im Alter von vier Jahren ihre Mutter bei einem Autounfall und lebt nun seit drei Jahren bei ihrem Vater im bislang vollkommen für den internationalen Schwimmsport unerschlossenen Plymouth. Das blonde Mädchen mit den bunten Fingernägeln wird dort als Talent gepriesen, kaum verwunderlich, sie lockt nun Medien, Sponsoren und Glamour in die Marine-Stadt.
Dass sie aber ihre Bestzeit in den vergangenen vier Monaten um gleich zwei Sekunden drücken konnte, hinterlässt tiefe Falten auf so mancher Stirn. Es fällt schwer, angesichts solcher Zeiten, Leistungssteigerungen und ihrem Alter, alles als „sauber“ einzuschätzen.
Litauerin ist Insel-„Darling“
Den Briten geht dieser Triumph aber unter die Haut, immerhin wohnt die Litauerin ja auf der Insel und trainiert im gleichen Klub wie Wasserspringer Tom Daley. Und wenn sogar Wayne Rooney hellauf begeistert twittert, ist Ruta endgültig der neue „Darling“ im Königreich. „Amazing. Gold medal at 15“, schrieb der Fußballstar von Manchester United.
Rooney zog sich damit dennoch den Zorn von Trainer John Rudd zu. Er hat es falsch verstanden, allerdings kann man das ja auch. Seine Reaktion auf Rooneys Tweet erwies der Sache auch keinen guten Dienst. Er sagte: „Sie ist ein Produkt unserer Arbeit, sie geht hier zur Schule, lebt hier, trainiert hier – sie ist eigentlich Britin. Es ist eine Schande, dass sofort, wenn jemand seinen Durchbruch schafft, von Doping die Rede ist. Eine Schande.“
Die seit vier Monaten 15 Jahre alte Ruta Meilutyte kümmert das alles nicht. Sie war von dem ganzen Rummel und Aufwand, der rund um sie herum stattfand, einfach überwältigt. Sie weinte später auch bei der Pressekonferenz, als sie vor der Weltpresse sprechen sollte. Sie dankte artig „meiner Familie, all meinen Freunden“, und ja, es sei unglaublich schön, hier zu sein. Sie hatte in Wahrheit unglaublich große Angst, Tränen liefen ihr in einer Tour über das Gesicht. Sie hielt sich aus Scham die Hand vor das Gesicht, sie wollte sofort raus dem grellen Rampenlicht, nach Hause – sie ist doch noch ein Kind.
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