„Allez!“ Als die Salzburger Schiedsrichterin Barbara Csar das letzte Gefecht im Halbfinale der Degenfechterinnen im ExCel-Center freigibt, stürzen die Deutsche Britta Heidemann und die Südkoreanerin Shin A-Lam aufeinander zu. Es steht unentschieden, gelingt beiden kein Treffer, ist A-Lam dank des Aufstiegsloses im Finale. Wie beim Eishockey, es ist ein Sudden Death.
Es ist nur noch eine Sekunde lang Zeit, das zeigt die Anzeigetafel. Im Fechten ist das die kleinste gemessene Einheit. Eine auf Zehntel oder Hundertstel genaue Zeitnehmung, die in solchen Fällen höchst nützlich wäre, ist im Reglement nicht vorgesehen. Heidemann muss treffen – und damit begann ein Drama, wie es Olympische Spiele selten erlebt haben.
Heidemann trifft und siegt, doch Südkorea protestiert sofort. Der Treffer sei zu spät, nach Ablauf der Zeit, gefallen. Wütend und wild gestikulierend baute sich der Trainer vor Barbara Csar auf. Seine Fechterin weinte währenddessen Rotz und Wasser. Hektik brach aus, dann hob die 29-jährige Csar aus Großgmain, die einzige Frau im Kreis der Fechtschiedsrichter, Heidemanns Hand: Sieg.
Jubel und Geschrei vermischten sich. 25 Minuten lang diskutierten die Herren des Weltverbandes über die Entscheidung. Videos wurden studiert, die Zeitmessung kontrolliert, es war ein Theater.
Für Shin A-Lam war es jedoch ein Drama. Die Südkoreanerin war gebrochen und blieb einfach auf der Planche sitzen. Es war ihre Form des Protests, aber zugleich auch die einzige Chance. Wäre sie aufgestanden, wäre das der Anerkennung des umstrittenen Urteils gleichgekommen. So sind die Regeln im Fechten.
Erst nach 75 Minuten konnten Funktionäre die Fechterin von der Planche bitten. Sie weinte immer noch. Auch die Österreicherin Barbara Csar musste weinen, als sie die Halle verließ. Aber sie hatte richtig entschieden. Heidemann sollte später Silber gewinnen. Es war Deutschlands erste Medaille bei den Sommerspielen in London.
Wilder Streit trotz Elektronik
Auch am Tag danach beschäftigte die Entscheidung der Salzburgerin noch die Gemüter. War der Treffer korrekt? Er muss es doch gewesen sein, denn die Lampe kann nur aufleuchten, wenn die Aktion noch in der Zeit gewesen ist.
TV-Bilder von ZDF zeigen, dass der Treffer eine Hundertstel vor Kampfende gefallen ist. Warum aber die Funktionäre des Weltverbandes so lange an Csars Entscheidung zweifelten, bleibt unklar. Schließlich steht sie seit 2008 auf der Grand-Prix-Liste, an Erfahrung mangelt es ihr nicht.
Selbst bei der Frage, warum Schiedsrichter entscheiden, obwohl es elektronische Treffer-Anzeigen gibt, bleibt es mysteriös. Vor allem bei strittigen Situationen hat der Mensch das letzte Wort. Auf Csars Salzburg-Wiki-Homepage steht ein Satz. „Athleten und Trainer testen einen immer aus. Da ist es wichtig, eine klare Linie beizubehalten. Ich habe mich regelkonform verhalten.“
Die Südkoreanerin mag zwar verloren haben, doch die Bilder ihrer Verzweiflung und des Protests gingen um die Welt. Sie hatte 75 Minuten auf der hell beleuchteten Planche ausgeharrt. Dann verließ sie ihre Bühne, umarmte den Coach und wurde vom Publikum gefeiert. Zehn Minuten später kam sie zurück, der Kampf um Bronze stand an. Aber auch dieses Duell verlor sie. Ein Schultertreffer kostete die Medaille. Shin A-Lam war das egal. Ihr Herz wurde an diesem Abend schon zu tief verletzt.
Übel nahmen das umstrittene Aus einige ihrer Landsleute. „Du bist eine Rassistin“, schimpfte ein Fan aus Südkorea via Twitter. Andere User veröffentlichten im Netz E-Mail-Adresse und Handynummer von Barbara Csar.
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