Lee valley. „Make some noise!“ Die Stimme des Stadionsprechers bei der Wildwasser-Anlage in Lee Valley, 30 Kilometer von London entfernt, überschlug sich. Mit ihr wurden auch die zehn Starterinnen des Kajak-Slalomfinales gehörig durchgebeutelt, mittendrin auch Corinna Kuhnle. Die Doppelweltmeisterin war bei ihrem Olympia-Debüt auf Anhieb in die Entscheidung vorgestoßen, doch dort chancenlos. Nach vier Toren war alles vorbei. Sie drehte das Boot eingangs des fünften Tores zu wenig und musste eine „Ehrenrunde" einlegen. Das kostete zu viel Zeit. Gold gewann die Französin Emilie Fer. 2008 in Peking hatte Violetta Oblinger-Peters Bronze gewonnen, 2012 ging Österreich leer aus und muss in London weiter auf das erste Edelmetall warten.
Begrüßt von Fasanen
Die Wildwasserbewerbe in Lee Valley, 50 Autominuten von London entfernt, liefern Besuchern ein Erlebnis. Der Sport, der seinen Ursprung bei den Inuit als Fortbewegungsmittel hat und seit Barcelona 1992 wieder olympisch ist, findet abseits des Rummels statt. Das 10.000 Quadratmeter große Areal liegt inmitten grüner Wiesen, Wälder und Kanälen. Es ist ein Idyll.
Fasane liefen am Vormittag unbekümmert über das Grün, Vögel zwitscherten und von Weitem war das Rauschen des Wassers zu hören. Das ist kaum verwunderlich, der 300 Meter lange Kanal wird von 13.000 Liter Wasser gespeist, und stolz lobt man eine Fließgeschwindigkeit von 13 Kubikmeter pro Sekunde aus. 75 Badewannen, sagt eine Mitarbeiterin im Venue Media Center, könne man damit füllen - pro Sekunde. Und die Betriebskosten? „Premier David Cameron wird nach den Spielen wohl eine Bank überfallen müssen . . ."
Kajakfahren verlangt Kraft und Reaktionsschnelligkeit. Die Boote sind 3,60 Meter lang, wiegen neun Kilogramm und müssen bei Olympia durch 23 Tore manövriert werden. Diese „Gates" sind entweder vor- oder rückwärts zu passieren, ob der Stromschnellen ein kniffliges Unterfangen. Fehler werden geahndet, wer eine Stange berührt, kassiert eine Zwei-Sekunden-Strafe. Wer ein Tor verpasst, bekommt 50 Sekunden aufgebrummt.
Als der Wettkampftag in Lee Valley mit dem Zweier der Herren beginnt, ist es mit der Ruhe vorbei. Die Zuschauer jubeln, schreien und es ist beachtlich, mit welcher Eleganz und Kraft zugleich die Athleten agieren. Die Boote drehen sich, drängen durch die Tore, stets von Wellen gebeutelt. Großbritannien feiert einen grandiosen Doppelsieg. Dann kommt Corinna Kuhnles großer Moment. Im Halbfinale überzeugte die Klosterneuburgerin, im Finale enttäuscht die 25-Jährige aber maßlos.
Lebenstraum im Kajak
Für Kuhnle erfüllen sich in ihrem Kajak dennoch alle Lebensträume. Gleich nach ihrer HTL-Matura nahm die Wirtschaftsingenieurin als Heeressportlerin die Fahrt auf. Obwohl sie Doppelweltmeisterin und die aktuelle Nummer zwei der Welt ist, ist sie in Österreich nicht vielen bekannt. Es mag der Tatsache geschuldet sein, dass Wildwasser-Kajak eine Randsportart ist, vielleicht ist es aber ihr Auftreten. In Lee Valley machte sich die große Medaillenhoffnung, „Sports Illustrated" führte sie vor den Spielen sogar als Gold-Tipp, für Medien rar. Selbst Fotos ließ sie keine von sich schießen. Ihrem Ziel, gleich bei ihren ersten Spielen auf das Podest zu paddeln, war alles untergeordnet. Nichts und niemand sollte sie ablenken, darauf legte auch Trainer Helmut Schröter gesondert Wert.
Als Siebenjährige hatte sie erstmals das Paddel in der Hand gehalten und bei Kursen der Naturfreunde Höflein erste Erfahrungen gesammelt. Mit zwölf entdeckte sie die Herausforderung im Wildwasser und zählt nun zur Weltspitze. Olympia war das Größte für sie, dafür hatte sie in den vergangenen Monaten auch hunderte Tests im Lee-Valley-Kanal gemacht. Sie kannte das Terrain, jeden Meter, jedes Tor. Nur auf der letzten Fahrt versagten die Nerven.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.08.2012)
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