Die Presse: Sie beide gelten als Boxnarren, sitzen seit Jahrzehnten am Ring, haben zig Größen kommen und allerlei Fallobst fliegen gesehen. Wo steht der Boxsport aktuell?
Sigi Bergmann: Der Ring gleicht einem Schlachtfeld. Im Augenblick geht's rückwärts mit der Entwicklung. Die Ali-Kämpfe waren einzigartig, aber wenn du dir heute anschaust, wie die Klitschkos gegen irgendwelche Pygmäen boxen, wird's fad. 1,80 Meter große Typen gegen Zwei-Meter-Männer, furchtbar. Schuld daran ist Amerika, der Amateursport ist am Ende – da kommt nichts mehr nach. Boxen ist auf dem Rückzug. Die Ukrainer haben jetzt alles übernommen. Bei den Profis diktieren die Klitschkos. Die Ukrainer haben sogar die Kubaner im Amateurbereich K. o. geschlagen. Das wird man auch bei Olympia sehen!
Die Klitschkos sind an allem schuld?
Werner Schneyder: Die Klitschkos können überhaupt nichts dafür, im Gegenteil: Ich finde diese beiden Burschen sehr imponierend. Die Art und Weise, mit der sie es geschafft haben, sich in der deutschen Gesellschaft zu positionieren, die Sprache zu beherrschen und grundgescheite Sachen zu sagen, das verlangt meinen Respekt. Sie sind, das wollte der Sigi eigentlich sagen, aufgrund ihrer Physis im Ring in der Lage, amateurhaft zu boxen. Sie verlassen sich auf ihre lange Linke. Solange aus Amerika nichts Ernsthaftes kommt, sind Veranstalter halt gezwungen, jeden Gegner zu hypen – und das geht manchmal ins Lächerliche.
Also ist Boxen auch für Sie langweilig geworden?
Bergmann: David Haye, auf den hatte ich gehofft. Aber mit seiner Niederlage wurde der ganze Weltboxsport endgültig zum Selbstbedienungsladen der Klitschkos.
Schneyder: Die Art und Weise, wie Berufsboxen heute verkauft wird, ist lächerlich. Der Grund ist der: Im Fußball kauft ein Sender die TV-Rechte und jeder hat das Recht, danach zu sagen, das war ein grausliches Match. Im Boxen ist es anders: Da ist der Sender, etwa RTL, zugleich der Veranstalter und Moderatoren müssen alles loben. Selbst die miesesten Schläge. Mittelmäßige bis unterklassige Kämpfe werden als Sensationen verkauft – dadurch wird es für mich eigentlich unappetitlich.
Es wird zur Show umgewandelt, wie beim Wrestling?
Bergmann: Ach was, die Catcher haben einen Champion und nicht zehn verschiedene, wie die Boxer von irgendwelchen Mickey-Mouse-Verbänden.
Schneyder: Mmmh, für mich ist Wrestling Kasperltheater auf höchstem Niveau! Sigi hat aber eines vorhin gesagt, das möchte ich jetzt steigern: Boxen zieht sich nicht zurück, es stirbt! Denn MMA – Mixed Martial Art – ist nicht aufzuhalten. Die Jugend prügelt sich um die Karten, das Ganze fällt in die Re-Barbarisierung unserer Gesellschaft, das muss gesagt sein.
Bergmann: Überall, wo die Füße dabei sind, bekomme ich sofort schreckliche Gänsehaut. Das ist wirklich nicht meins. Ali hat auch einmal gegen einen Wrestler gekämpft, fällt mir gerade ein. Das war auch nicht zum Anschauen. Ich habe es mit Otto Wanz kommentiert und Big Otto ist zur Hälfte aufgestanden und hat gesagt: „Ich genier mich für meine Branche.“
Welche Erfahrungen haben Sie persönlich im Boxsport gesammelt?
Schneyder: Ich war dreimal bei Olympia, zweimal bei einer WM – als Kommentator natürlich. Und ich habe zwölf Jahre Berufsboxen betrieben...
...sieht man aber nicht wirklich...
Schneyder: Naja, ich habe ein paar Kanten...
Bergmann: ...solange er nicht den Tristan singt, wird's nicht so schlimm sein. (alle lachen)
Zurück zum Thema: Was erwarteten Sie sich vom Olympia-Turnier?
Bergmann: Patterson, Ali, Frazier, Foreman, Lewis – alle wurden Olympia-Sieger, später Weltmeister. Olympia war eine Fundgrube.
Schneyder: Sigi, vergiss bitte die Klitschkos nicht!
Bergmann: Na na, da war nur einer. Der Wladimir hat Olympia gewonnen, der andere gar nichts.
Schneyder: Zwischen Amateur- und Berufsboxen ist ein Quantensprung. Bei Olympia gibt es den Kopfschutz, aber die Erschütterung bleibt gleich... Die gibt es übrigens nur wegen Juan Samaranch. Damit wäre Boxen weniger brutal, haben sie ihm damals eingeredet. So ein Blödsinn! Es gibt nur weniger Cuts, ist aber unattraktiver geworden für die Jugend.
Welchen Stellenwert haben dann Boxen und Olympia?
Bergmann: Boxen ist die Urdramaturgie des Lebens, das lasse ich mir nicht ausreden. Zwei Männer – jetzt halt auch Frauen – stehen auf einer Bühne und kämpfen um Macht, Einfluss, um weltweites Ansehen. Es ist etwas Intimes, eine nonverbale Auseinandersetzung. Und die Zuschauer sind durch die Bank Voyeure!
Schneyder: Boxen ist eine Ausdrucksform am Rande des Sports. Im Grunde ist es ein Phänomen wie Schach. Der wunderbare Amerikaner Bobby Fischer hat einmal gesagt: To destroy a man's ego. Demolieren, brechen, darum geht es.
Einer muss doch der Stärkste sein, darum ging es doch schon immer in unserer Geschichte...
Schneyder: Natürlich.
Bergmann: Ja, das passiert doch schon im Kindergarten. Hast du nie gerauft?
Mit mir wollte keiner...
Bergmann: Dann warst du der Klitschko des Kindergartens!
Schneyder: Boxen ist eine Verabredung im Ring, und, ganz wichtig: Es zwingt einen ja niemand dazu.
Bergmann: Hast grad wieder einmal Schnitzler inszeniert, weil du so etwas erzählst?
Schneyder: Sigi, hör auf. Sie willigen doch alle ein, dass ein Dritter, der Referee, drin steht und sagt, es reicht!
Jetzt haben auch die Damen – in drei Gewichtsklassen – den Olympia-Ring erobert. Ist das begrüßenswert?
Bergmann: Jetzt werde ich dir einmal etwas sagen: Frauen haben es schon 1904 in St. Louis versucht, sind aber gescheitert, weil nur Amerikanerinnen dabei waren. Die Reise war den Europäerinnen zu teuer. Seit damals kämpfen Frauen um die Annäherung an Olympia und haben jetzt die Emanzipation endgültig vollzogen. Es gibt keinen Olympia-Sport mehr, den nur Männer austragen.
Schneyder: Eishockey spielen sie ja auch, und sogar sehr gut Fußball. Es gibt aber weiterhin sehr wenige männliche Gymnastinnen, finde ich. Oder Synchronschwimmer...
Ist Damenboxen eine sportliche Bereicherung oder ein Showakt?
Schneyder: Typen wie die Regina Halmich waren super. Wenn es ihnen ein Bedürfnis ist, sich zu prügeln, bitte. Ob es schön und gut ist, fragt bitte die Frauen. Sie sollen Auskunft darüber geben.
Bergmann: Sie haben sich technisch in den vergangenen Jahren um Klassen verbessert!
Schneyder: Die haben doch die selben Trainer, die DDR-Schule ist oft auch noch dahinter.
Bergmann: Na was glaubst, was ich schon alles gesehen habe?
Schauen Sie sich die Damenfights an?
Schneyder: Nein, sicher nicht.
Bergmann: Na geh, komm, ich kommentiere es doch im ORF.
Schneyder: Nein!
Bergmann: Schade. Was ist, nach Olympia, gemma in die Oper?
„Boxen ist die Urdramaturgie des Lebens.“
Sigi Bergmann
„Ob es schön und gut ist, fragt bitte die Frauen.“
Werner Schneyder
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.08.2012)
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