London. Österreich ist bei den Sommerspielen in London weiterhin ohne Medaille. Nachdem selbst aussichtsreichere Kandidaten wie Kajak-Weltmeisterin Corinna Kuhnle scheiterten, werden Befürchtungen laut, dass Österreich Olympia 2012 am 12. August ohne Medaille abschließen wird. Zuletzt war das bei den Spielen 1964 in Tokio der Fall, und naturgemäß löst das in den Medien, unter Funktionären und Politikern eine Welle der Empörung aus. Als gelebte Winternation – Erfolge von Skifahrern und Skispringern vorausgesetzt – widerspricht es der Vision, dass Schwimmer, Leichtathleten, Judoka etc. „versagen“.
Dinko Jukić verfehlte als Vierter eine Medaille knapp, die große Zeit von Markus Rogan ist vorüber, die Tennisspieler Melzer/Peya scheiterten in Runde zwei, Doppelweltmeisterin Kuhnle erreichte das Finale – doch das genügt nicht. Zuletzt, 2008 in Peking, gab es drei Medaillen. Aber noch laufen die Spiele. Die Kanutinnen Yvonne Schuring und Victoria Schwarz sind Österreichs letzte Chance.
„Keine Pauschalurteile“
Aber wer ist schuld daran, dass Österreich in London hinterherläuft? Politik und Sport spielen sich nun den Schwarzen Peter zu. Der Präsident des Österreichischen Olympischen Komitees, Karl Stoss, attackierte nun den auch für Sport zuständigen Minister Norbert Darabos. Dieser hatte in Interviews Auswahlkriterien, Limits, Kadergröße und Ausbeute kritisiert und sich Stoss' Unmut zugezogen. „Es geht nicht an, dass Sportler in Interviews pauschal verurteilt werden. Schon gar nicht während der Spiele. Nachher ist jeder – in den Gremien – willkommen, den Mund aufzumachen. Ich lasse nicht zu, dass Talenten mit dem Begriff eines Olympia-Touristen hier die Chance genommen wird, für die Zukunft wichtige Erfahrungen zu machen.“
Das ÖOC hätte sich freilich auch gewünscht, bereits Medaillenfeiern veranstalten zu können, aber es sei der falsche Zeitpunkt, um Unruhe zu stiften. Es sei bislang nicht nur Unvermögen, sondern auch viel Pech dabei gewesen, betonte Stoss, der sich auch ungeachtet der aufkeimenden Debatte Gedanken gemacht hat. „Wenn man in Österreich Spitzensport will, soll man ihn auf richtige Beine stellen und gezielt fördern. Dafür ist die Politik zuständig.“
Aber das gilt nicht nur im Sportbereich, sondern vor allem auch im Bildungswesen, sagt der Generaldirektor der Casinos Austria. In der „Kinderstube“ daheim und in Kindergärten und Schulen müsste das Umdenken einsetzen, um nebenbei auch dem Gesundheitswesen einen Dienst zu erweisen. Dazu könnte ein Scouting-System installiert werden, um Talente herauszufiltern, gezielt zu fördern und an die Spitze heranzuführen. Dort ist die Wurzel allen Übels zu finden, deren Auswüchse und Folgen bei den Sommerspielen 2012.
Widerstand für Postensicherung
Der Plan ist jedoch nicht neu, nur mangelte es bislang an der Umsetzung. Es gibt Sportschulen, „bewegte Kindergärten“ und Olympiazentren. Aber der Universitätssport ist inexistent in Österreich, ebenso ein landesweit geregelter Schulsport mit dem Stichwort der täglichen Turnstunde.
Dass zu viel Energie, Personal und Geld in diversen Stellen wie „Team Rot-Weiß-Rot“, „Sporthilfe“ oder drei Dachverbänden verloren geht, habe auch er bemerkt. Stoss würde eine „Bündelung dieser Kräfte“ und die Evaluierung der für Österreich relevanten „Prime- und Trend-Sportarten“ für förderlich erachten, Widerstand aus den entsprechenden Bereichen ist ihm gewiss. Vorbilder dieses Vorschlags wären Deutschland und Australien – beide sind in London bereits mit Edelmetall geschmückt.
Karl Stoss ist seit September 2009 ÖOC-Präsident, dass es im österreichischen Sport „anders“ ablaufe, erkannte er aber gleich nach dem Einstand. Er wollte das „Haus des Sports“ in der Radetzky-Kaserne unterbringen, in Verbindung mit der Sport-Universität Schmelz und dem ÖOC. So wäre zumindest in der Administration Bewegung ins Spiel gekommen. Der Vorschlag wurde von allen Gremien „abgeschmettert“, erklärt Stoss. Somit bleibe das Haus in der Prinz-Eugen-Straße Nummer 12 weiterhin „von Mitarbeitern der Ministerien besiedelt“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.08.2012)
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