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Eine schmächtige Ritterin zieht für Kenias Jugend in den Kampf

05.08.2012 | 18:04 |  Von Felix Lill (London) (Die Presse)

Bronze hat die 28-jährige Vivian Cheruiyot aus Kenia schon, über 5000 Meter ist sie in London Favoritin. In ihrer Heimat ist die aktuell beste Langstreckenläuferin der Welt ein Star und auch Ordensträgerin.

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Als sie die Trophäe in der Hand hielt, war sie endlich gut zu hören. „Vielen Dank, das hatte ich nicht erwartet. Ich genieße euer Interesse wirklich sehr“, hallte es durch die besonders weit aufgedrehten Lautsprecher. Vivian Cheruiyot war gerade mit dem Laureus Award als weltbeste Sportlerin des vergangenen Jahres ausgezeichnet worden, Anfang Februar in London. Der Saal war gefüllt mit lächelnden Gesichtern und die Anwesenden freuten sich über den Erfolg der immer freundlichen Kenianerin. Für viele Journalisten war es aber auch ein Aufatmen, weil Cheruiyot in den vorigen Interviews so sehr geflüstert hatte, dass ihre Worte nur mit allergrößter Mühe zu verstehen waren.

Maße wie ein Teenager

Wer Vivian Cheruiyot zum ersten Mal sieht, wird kaum glauben, dass sich hinter dieser Frau die aktuell beste Langstreckenläuferin der Welt verbirgt. Sie misst 1,55 Meter und wiegt 38 Kilo, die Maße eines Mädchens in der Pubertät. Ihre lockigen Haare lassen ihr Gesicht mit den leuchtenden Augen und dem weit aufgerissenen Lächeln noch kleiner erscheinen. Ihr Händedruck ist fast keiner, so wenig Kraft scheint in ihrer Hand zu stecken. Die Oberschenkel, ihr Hauptwerkzeug bei der Arbeit, wirken dünn und zierlich.

Aber wer der 28-jährigen im vergangenen Jahr beim Finallauf der Weltmeisterschaft im südkoreanischen Daegu zugeschaut hat, versteht, wer Vivian Cheruiyot ist. Als damals die letzte Runde im 5000-Meter-Rennen anbrach, rannte sie ihren zumeist größeren und schwereren Konkurrenten so leichtfüßig davon, dass an ihrem Weltmeistertitel nicht zu rütteln war. Es war schon die zweite WM-Goldmedaille auf 5000 Meter in ihrer Karriere, und kurz zuvor hatte sie erstmals auch über 10.000 m gewonnen. So wurde Vivan Cheruiyot in Daegu zur ersten Läuferin ihres Landes, die in zwei Einzeldisziplinen Weltmeisterin wurde.

Es ist eine gewaltige Leistung, die sie im vergangenen Jahr zum Weltstar in der Leichtathletik machte. Als Mädchen trainierte Vivian Cheruiyot nur mit Jungen, wofür sie anfangs regelmäßig schiefe Blicke bekam, wie sie sagt. Mit 14 Jahren begann sie mit ernsthaftem Lauftraining, Spitzenleistungen folgten schnell. Für die Olympischen Spiele von Sydney 2000 qualifizierte sie sich als 17-jährige, wo sie immerhin den 14. Platz erreichte. „Ich war sehr stolz darauf“, erinnert sie sich beinahe piepsend. Aber statt alles auf ihren Sport zu setzen, wollte Cheruiyot die Schule beenden, was zunächst auch auf Kosten sportlichen Leistungen ging. 2004 in Athen konnte sie sich nicht qualifizieren.

Die Karriere ging danach erst richtig los. 2008 in Peking beendete Cheruiyot das Rennen auf 5000 Metern als Fünfte, bei der WM in Berlin wurde sie erstmals Weltmeisterin. Zwei Jahre später folgten die sagenhaften Läufe in Daegu. Zuletzt wurde der zierlichen Athletin von ihrem Stamm aus der Provinz Rift Valley auch ein Ritterorden verliehen, eine für Frauen bisher ungewöhnliche Ehre. Mit dieser Auszeichnung hat sie vor, den Breitensport unter Mädchen zu fördern. „Jetzt will ich Botschafterin werden. Ich wünsche mir, dass alle Mädchen und auch alle Jungen Sport treiben“, sagt sie leise und rollt dabei etwas verlegen ihren Kopf über den Nacken.

„Wenn Vivian das sagt, hat das Gewicht“, glaubt der kenianische Journalist Elias Makori. „Sie ist sehr beliebt und respektiert in unserem Land.“ Wie viele kenianische Athleten ist Vivian Cheruiyot zudem offiziell Polizistin. Ein Job auf dem Papier, der es ihr erlaubt, sorgenfrei ihre täglichen Trainingspläne zu erfüllen. Zudem könnte sie als Polizistin nach ihrer Karriere ihrem Wunsch nachgehen, Nachwuchssportler in Akademien zu fördern. „Als Trainerin für Kinder will ich arbeiten“, kündigt sie an. Ein weiteres sportliches Vorhaben ist die Marathonstrecke. Die will sie in „vier oder fünf Jahren“ angehen und noch auf hohem Niveau laufen. „Mal sehen.“

Bronze hat sie, Gold will sie

In London holte sie über 10.000 Meter Bronze, über die 5000 Meter am Freitag will sie olympisches Gold gewinnen. „An einem guten Tag gewinnt sie gegen alle“, erwartet Elias Makori. Auf die Frage, ob auch ein Weltrekord drin sei, antwortet Vivian Cheruiyot wieder in leisen Tönen: „Ich muss gut trainieren, und dann wird man sehen.“ Aber als sie die zwei Sätze ausspricht, rückt einer hinter ihr den Stuhl nach vorne. Im Halbkreis der Journalisten sind fragende Gesichter zu erkennen. Sie könnte auch gesagt haben: „Ich habe gut trainiert, und dann werdet Ihr sehen.“

Auf einen Blick
Vivian Cheruyot aus Kenia gilt als weltbeste Langstreckenläuferin. Bei der Leichtathletik-WM 2011 in Dageu holte sie sowohl über 5000 Meter als auch über 10.000 Meter Gold. Dafür wurde die heute 28-Jährige im Februar 2012 beim Laureus World Sports Awards zur „Weltsportlerin des Jahres“ gekürt. In London holte sie Olympia-Bronze über 10.000 Meter, über 5000 Meter am Freitag ist sie ein heißer Gold-Tipp.

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