Als Ehsan Hadadi in den Kreis tritt, hallt kein Jubel durch das Olympiastadion. Dabei scheint der 1,93 Meter große Hüne ein umgänglicher, freundlicher junger Mann zu sein. Der 27-Jährige umgreift den zwei Kilogramm schweren Diskus, das Wurfgeschoss mit einem Durchmesser von 22 Zentimetern verschwindet in seiner rechten Hand, als wäre es ein Kinderspielzeug. Hadadi holt aus, dreht sich und stößt beim Wurf einen gewaltig lauten Schrei aus. Mit dem ersten Versuch gelingt ihm sofort die Qualifikation für das heutige Finale. 65,19 Meter, beeindruckend.
Es herrscht Skepsis in London. Ehsan Hadadi ist Iraner und die größte Medaillenhoffnung, die Mahmoud Ahmadinejad bei den Sommerspielen ins Rennen schickt. Dabei war es zuletzt ruhiger geworden um den Iran, der mit seinen Atomprogrammen die Weltpolitik aufgescheucht hat. Athleten aus Syrien, Afghanistan oder sonstigen heiklen Regionen wurden begrüßt, es gab Applaus. Doch der lange Schatten des vermeintlichen Baumeisters einer Atombombe begleitet Ehsan Hadadi auch bei Olympia.
Ein Auto für WM-Bronze
Bei der WM 2011 in Daegu, Südkorea, gewann er die erste Leichtathletikmedaille des Iran. Seitdem ist er in Teheran stadtbekannt; auch, dass er dafür ein Auto geschenkt bekommen hat, wissen seine Landsleute. Außerhalb der Landesgrenze hingegen weht ihm ein rauer Wind entgegen; mitunter werden auch Dopingvorwürfe geäußert. Um dem Gerede ein Ende zu setzen, bereitete sich Hadadi nun in Deutschland vor. In Niefern bei Pforzheim konnten ihn die Dopingjäger schließlich rund um die Uhr besuchen.
Sonst verbringt der Iraner ein sorgenfreies Dasein. Für alle Kosten kommt der Verband auf, und als einer von 55 iranischen Olympiastartern genießt er die uneingeschränkte Unterstützung seines Staatschefs. Erfolge sollen dem Iran – die Chinesen zeigen es seit Jahrzehnten vor – Aufmerksamkeit bescheren. Hadadis erster Wurf war also genau nach dem Geschmack der Mullahs. Er sagt: „Besser geht es nicht, so hatte ich es mir auch vorgenommen.“
Um in London aber in den Genuss einer Medaillenfeier zu kommen, muss Ehsan Hadadi, der seit seinem fünfzehnten Lebensjahr Leistungssport betreibt, den Diskus an die 70-Meter-Marke befördern. Das ist kein Leichtes, seine Bestmarke liegt aber bei 69,32 Metern. Das Podest ist also möglich.
Ein Anruf bei Ahmadinejad
Der 127 Kilogramm schwere Iraner nimmt die verhaltene Reaktion im Olympiastadion gelassen, sie irritiert ihn nicht. Der größte Lärm wird dieser Tage ohnehin nur Briten oder Usain Bolt zuteil. Dennoch beteuert Hadadi, „dass ich mit Politik überhaupt nichts zu tun habe. Ich bin Sportler.“ Dass er dennoch einen guten Draht zu Ahmadinejad hat, ist übliche Folge der Beziehung erfolgreicher Sportler mit Politikern. Das wäre in Österreich ja auch nicht anders.
Gewinnt Ehsan Hadadi bei den Sommerspielen in London eine Medaille, ist ihm diesmal ein entsprechender Empfang auf dem Flughafen von Teheran gewiss. Nach Bronze in Daegu ist er nämlich völlig allein in der Ankunftshalle dagestanden. Der Verband hat seine Rückkehr „übersehen“ und keine Empfangszeremonie vorbereitet. „Ehsan“ bedeutet im persischen Raum so viel wie „der Gutes tut“, „Hadadi“ werden mitunter die Stahlarbeiter genannt, und es formt sich das Bild, das der Athlet auf seiner Homepage beschreibt. Einen Anruf bei Ahmadinejad später hatten die Diskuswerfer einen neuen Präsidenten . . .
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.08.2012)
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