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Kazunari Watanabe: Die Flucht aus der verstrahlten Sperrzone

07.08.2012 | 16:39 |  VON MARKKU DATLER (LONDON) (Die Presse)

Japans Bahnradfahrer Kazunari Watanabe wuchs in Futuba in der Präfektur Fukushima auf. Der 11. März 2011 hat sein Leben verändert. Der Tsunami und die Nuklearkatastrophe verwandelten sein Zuhause in eine Geisterstadt.

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Das Velodrome im Olympiapark ist schon früh prall gefüllt. Die Masse drängt zu Chris Hoy, dem mehrfachen Olympiasieger, den sie auf der Insel als den „Ritter auf dem Fahrrad“ anhimmeln. Es läuft der Keirin-Bewerb, eine aus Japan kommende Disziplin für Bahnradfahrer. Ein Derny, man erinnere sich an das Steherduo Karl Igel und Roland Königshofer, fährt sechs Fahrern voran. Nach zweieinhalb Runden gewinnt Hoy und holt seine siebente Olympiamedaille.

Das Tempo ist mörderisch, es erreicht 70 km/h. Die Zuschauer tobten, und es erklärt schnell, warum in Japan 40.000 Rennen pro Jahr über die Bahn rollen. Die Unterhaltung ist kurz und eignet sich perfekt für Wetten. 15 Milliarden Euro Umsatz wirft Keirin pro Jahr in Japan ab, seit Sydney 2000 ist es auch olympisch. An diesem Geldtopf will jeder mitnaschen.

„Damit niemand vergessen wird“

Auf der Bahn versucht sich auch Kazunari Watanabe. Der 29-jährige Japaner will mit seinen Leistungen aufzeigen, aber nicht nur für sich, sondern auch für seine Heimat. Er ist in Futuba, in der Präfektur Fukushima, aufgewachsen. Seine ganze Familie lebte dort. Seit dem 11. März 2011, dem Erdbeben, dem Tsunami und der Katastrophe im Atomkraftwerk ist aber alles anders. Watanabe hat kein Zuhause mehr. Die Küstenstadt Futuba wurde vom Tsunami zerstört. Sie liegt auch in der 20-Kilometer-Sicherheitszone, die rund um das Atomkraftwerk aufgezogen wurde. Es ist seit der Evakuierung eine Geisterstadt. 6358 Menschen leben dennoch weiterhin ohne Erlaubnis in der verstrahlten Sperrzone.

Die Meldungen über Strahlenwerte divergieren täglich. Im größten Teil der Präfektur Fukushima sowie im Rest Japans seien keine beängstigenden Werte gemessen worden, behaupten Regierung und der Kraftwerksbetreiber. Sie sollen unter zehn Millisievert liegen. Watanabe weiß nicht, wem oder was er glauben soll. Die Zahl von Totgeburten steigt, auch leiden immer mehr Menschen an unstillbarem Nasenbluten. Es gehört zu den klassischen Indikatoren für Strahlenschäden. Einen Vergleich mit Tschernobyl lehnt der Japaner jedoch ab. Kazunari Watanabe fährt nicht nur für Japan oder sich. Er fährt für alle Evakuierten und Todesopfer, „damit sie nicht vergessen werden und niemand vergisst, was in Japan passiert ist“.

Was, ein Reaktorblock?

Der Bahnradfahrer erzählt leise von seinen Erinnerungen. In Futuba profitierten alle vom Atomkraftwerk. Die Nuklearkraft gab allen Jobs und Geld, nur noch wenige lebten vom Verkauf der traditionellen Tatami-Matten. Keiner hätte jemals mit so einem Unglück gerechnet, auch hätte keiner jemals gedacht, dass die Bevölkerung nicht restlos informiert und gewarnt werden würde.

Viele seiner Freunde kamen am 11. März ums Leben, auch er hat Schlimmes erlebt. Watanabe trainierte gerade in Tokio und bangte um seine Familie. „Ich saß stundenlang vor dem Fernseher, konnte niemanden am Telefon erreichen. Erst als meine Schwester durchkam, war ich befreit“, sagt Watanabe, und man sieht ihm deutlich an, dass er am liebsten diese schrecklichen Bilder und Erinnerungen aus seinem Gedächtnis löschen würde. Er kann es aber nicht, die Gefahr ist weiterhin allgegenwärtig. „Futuba ist für Jahrzehnte verstrahlt. Die Regierung darf niemanden mehr dorthin lassen, niemanden, Sie sollte es auch nicht, das ist doch gefährlich. Es wird unseren Kindern schaden.“

Die Begriffe Reaktorblock, Kernschmelze und Millisievert kannte kaum einer, meint Watanabe und blickt unbeholfen um sich. Die Frage ist ihm unangenehm. In Japan sind Sportler Angestellte bei Firmen, die Sportvereine betreiben. Dass „Fukushima Branch“, sein Klub, auch vom Kraftwerksbetreiber Tepco unterstützt worden sein soll, wollte er nicht hören.

Es sei „unglaublich schwer gewesen, auf einmal ein neues Leben beginnen zu müssen“, erzählt Watanabe dennoch ganz offen. Die Motivation war mit einem Schlag dahin. Auch für zehn seiner insgesamt 293 Olympiakollegen, die in Tohuko, der vom Erdbeben mit der Stärke 9,0 auf der Richterskala am stärksten betroffenen Region, lebten. Seine Familie verteilte sich auf drei Städte in Japan, die meisten wohnen nun nahe Tokio. „Was sollen wir denn sonst machen, als zu versuchen, normal weiterzuleben?“, fragt er und nennt seinen Sport und Beruf als beste Form der Ablenkung.

Auf der Bahn dreht er frei von Angst seine Runden und landet auf Platz elf. Medaillen und Siege spielen in Wahrheit für ihn keine Rolle mehr. Erfolg sei schön, gebe allen Hoffnung und Mut, sagt er. Aber es ändert nichts an diesem Desaster. Kazunari Watanabe fährt für sich – und die Menschen von Futuba.

Auf einen Blick
Der Japaner Kazunari Watanabe wuchs in Futoba in der Präfektur Fukushima auf. Seit dem 11. März 2011 und dem Erdbeben, das einen Tsunami auslöste und zu einer Nuklearkatastrophe führte, veränderte sich sein Leben grundlegend. Der 29-jährige Bahnradfahrer will seinen Landsleuten mit dem Start in London neue Hoffnung geben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.08.2012)

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