London. „Sie wollen zu Michael Phelps? Sie sind angemeldet, ja, nehmen Sie hier Platz. Es dauert noch einen Augenblick.“ Die Empfangsdame des Omega-Hauses in Soho lächelt und weist den Weg. Um Olympia-Star Michael Phelps ist bei den Sommerspielen in London ein wahres G'riss ausgebrochen. Das 27-jährige US-Schwimmer ist mit 22 Medaillen der erfolgreichste Sportler der Olympia-Geschichte, Gesprächsmöglichkeiten mit dem Mann aus Baltimore sind heiß begehrt. Und tatsächlich, einen Augenblick später empfängt der Superstar eine auserwählte Journalistengruppe zur finalen Audienz. „Hello. How are you?“
Selbst im Urlaub ohne Pool
Phelps wirkt wie verändert. Er spricht locker, und es ist nicht zu übersehen, dass er keinen Druck mehr hat. „Ich habe alles gewonnen, was ich gewinnen wollte“, sagt er, lächelt und fügt sofort hinzu, „dass meine Karriere nun vorbei ist. Ich war immer auf alles perfekt vorbereitet, also muss ich es auch bei meinem Abschied sein.“
Bei vier Sommerspielen war er dabei, er gewann auch 27 WM-Titel, da spielt Vorbereitung zweifellos eine tragende Rolle. Seit seinem letzten Rennen habe sich aber alles grundlegend verändert. „Ich lebe nun ein freies Leben“, sagt er. Ohne Stress und Training, auch das ewige, zuletzt leidige frühe Aufstehen ist passé. Für immer. Und, er werde es sich stets auch gut überlegen, ob er im Urlaub – mit seiner neuen Freundin – überhaupt noch in irgendeinen Swimmingpool springen werde . . .
Anstatt weiterhin die Böden aller Schwimmbecken dieser Welt zu betrachten, wolle er reisen. Die Länder sehen, in denen er zwar Wettkämpfe bestritten, aber von Menschen, Kultur und Natur nichts mitbekommen habe. Über alles Weitere habe er nicht nachgedacht. Muss er auch nicht, durch das Schwimmen scheffelte er Millionen. Dass er also als Trainer wieder am Beckenrand auftauchen wird, sei ausgeschlossen. „Nein, das geht nicht“, sagt Phelps entschieden. „Damit hätte auch niemand eine Freude – ich wäre ein unfassbar lästiger Trainer.“
Obgleich er zum Star dieser Spiele avancierte, wisse er sehr gut, dass Ruhm ein Ablaufdatum habe. Er werde, das versprach er, nicht den Fehler begehen und irgendwann „bei den Dancing Stars auftauchen. Das sollen andere machen.“ Es gäbe doch ohnehin genug arbeitslose C-Promis.
Selten erlebte man Michel Phelps so entspannt. Im Vergleich zu den Spielen 2008 in Peking wirkte er erwachsen. Dieses neue Streben nach Glück habe ihm Larissa Latynina mit auf den Weg gegeben. Er hatte die UdSSR-Turnerin, die bislang mit 18 Medaillen die Olympia-Wertung anführte, im Frühjahr in New York getroffen. Ihr Zuspruch gab ihm Kraft, sagt Phelps. Auch imponierte ihm, dass die 73-Jährige zu seinem entscheidenden Rennen extra anreiste. „Rekorde sind dafür gemacht worden, sie zu brechen. Irgendwer wird auch meinen knacken. Ich hoffe sehr, dass ich dann auch dabei sein kann, wenn es passiert.“
Weil Zeit in seinem Leben eine vollkommen neue Bedeutung erhalten hat, stand er pünktlich nach der vereinbarten halben Stunde auf, verabschiedete sich und eilte zu einer Party. Michael Phelps kennt keinen Zapfenstreich mehr.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.08.2012)
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