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Mexikos Athleten: Die Botschafter für gute Nachrichten

08.08.2012 | 17:05 |  Von Felix Lill (Die Presse)

Die mexikanischen Athleten aus Chihuahua wollen ihre Heimat ermuntern. Seit Jahren dominieren Gewaltmeldungen aus dem nördlichen Bundesstaat. Olympische Erfolge in London wären eine Abwechslung.

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Horacio Nava ist froh, in London zu sein. Nach Peking 2008 sind es die zweiten Olympischen Spiele, die der 30-jährige Geher bestreitet. „Und ich bin trotzdem noch verdammt aufgeregt“, relativiert er lächelnd. Auf der 50-Kilometer-Strecke, auf der er am Samstag antritt, ist er ein Geheimtipp für eine Medaille. In Peking wurde er Sechster, bei der Weltmeisterschaft vor einem Jahr Zweiter. Auf die Chance, erstmals olympisches Edelmetall zu holen, hat er lange hingearbeitet. „Die konkrete Vorbereitung begann vor mehr als einem Jahr. Ich habe Kilometer ohne Ende gefressen.“

Die Welt wird hellhörig

Aber es gibt einen weiteren Grund, warum sich der dünne, 64 Kilo leichte Athlet auf seinen Auftritt freut. Mit seinem Marsch will er am Samstag für gute Nachrichten über seine Heimat sorgen. „Wenn ich vorne mitlaufe, wird die Welt sehen, dass in Chihuahua auch andere Sachen passieren als Gewalt“, kündigt er an. Wegen des sogenannten Drogenkriegs häufen sich nämlich aus dem nordmexikanischen Bundesstaat Chihuahua, wo Nava lebt und trainiert, seit Jahren erschütternde Nachrichten. Gemeinsam mit seinen drei Mannschaftskameraden aus Chihuahua will Nava die Aufmerksamkeit auf andere Dinge richten, wenigstens für ein paar Wochen.

Seit rund sechs Jahren tobt in Mexiko ein blutiger Konflikt, der mittlerweile an die 50.000 Todesopfer gefordert hat. Es geht um die Kontrolle von Drogentransitstrecken, die vor allem über den Norden des Landes in die USA führen. Als die Kämpfe darum immer blutiger wurden, kündigte die kürzlich abgewählte Regierung des Präsidenten Felipe Calderón an, gemeinsam mit den USA schwerere Geschütze aufzufahren. Rund 50.000 Armeeangehörige und 35.000 Bundespolizisten sollen die Drogenbarone seitdem in Schach halten. Aber die Kartelle sind so einflussreich geworden, dass sie insgesamt auf schätzungsweise 300.000 Unterstützer kommen, viele davon mit modernen Schusswaffen. Vandalen, die das Chaos ausnutzen, sorgen für zusätzliche Instabilität.

Keine Perspektiven mehr

So ist das landschaftlich archaische Chihuahua für viele zu einer No-go-Area geworden. Über 230.000 Menschen haben die Flucht aus Mexikos gefährlichsten Gegenden ergriffen. „Jeder kennt Leute, die nicht mehr in Chihuahua leben wollten“, sagt auch die moderne Fünfkämpferin Tamara Vega, die genauso wie der Boxer Oscar Molina und die Judoka Vanessa Zambotti aus Chihuahua kommt. Ihr Heimatort Ciudad Juárez, der an den US-Bundesstaat Texas grenzt, gilt als eine der gefährlichsten Städte der Welt. „Mein Cousin ist mit seiner Freundin ausgewandert, weil sie daheim keine Perspektiven und keine Sicherheit mehr sahen. Einige Bekannte sind schon gestorben.“

Vega selbst, die mit 19 Jahren ihre ersten Olympischen Spiele bestreitet, lebt seit fünf Jahren in der Hauptstadt Mexiko-Stadt, weil dort die Trainingsbedingungen besser sind. Aber wenn sie alle drei Monate nach Hause reist, fühlt sie sich unsicher. „Du verlässt das Haus kaum noch und denkst immer, es könnte etwas passieren. Es ist nicht mehr wie früher.“ Auch das Training leide bei den Heimatbesuchen. „Ich trainiere normalerweise bis zu acht Stunden am Tag. Wenn ich in Chihuahua bin, mache ich fast gar nichts, auch weil ich Angst habe.“ Bei ihrem Pensum zählt jeder Tag, an dem sie eine ihrer fünf Disziplinen trainiert.

Vorsichtsmaßnahmen

„Jeder ergreift seine eigenen Vorsichtsmaßnahmen“, erklärt Luis Rivera, Vorsitzender des Landessportinstituts von Chihuahua. Rivera glaubt aber, dass die Gefahrenlage häufig überschätzt wird. „Die Tage verlaufen eigentlich wie immer. Das Leben läuft normal weiter. Die meisten Athleten sind in ihrem Training auch nicht vom Drogenkrieg beeinflusst.“ Horacio Nava, der in der Kleinstadt Creel in der Sierra Tarahumara trainiert, wo bei einem Massaker auch schon 13 Menschen starben, versucht, die Probleme zu ignorieren. „Chihuahua zu verlassen war für mich nie ein Thema, es ist meine Heimat“, sagt er mit ruhiger Stimme. Nava glaubt, dass der Konflikt irgendwann vorbei gehen werde und dass bis dahin alle durchhalten müssten.

„Solange die Gewalt weitergeht“, glaubt Tamara Vega, „müssen wir Sportler aus Chihuahua einfach noch ein bisschen stärker sein.“ Sportliche Erfolge stießen daheim gerade in diesen schwierigen Zeiten auf Interesse. „Es sind eben gute Nachrichten, und die Leute sind im Moment nur schlechte Nachrichten gewohnt“, sagt Vega, deren Ziel ein Platz unter den ersten 15 ist.

Die anderen beiden Athleten aus Chihuahua, Vanessa Zambotti und Oscar Molina, sind bereits vorzeitig aus ihren Wettkämpfen ausgeschieden. Tamara Vega versteht daher: „Jetzt müssen Horacio und ich dafür sorgen, dass die Heimat Gutes aus London hört.“ Am Samstag und Sonntag treten die beiden je im modernen Fünfkampf und bei den 50 Kilometern im Gehen an.

Auf einen Blick
Mexiko steht erstmals im Finale des Olympischen Fußballturniers, trifft dort am Samstag auf Brasilien. Star des Teams ist der dreifache Torschütze Giovani dos Santos (Tottenham Hotspur).
Größter Erfolg der Mexikaner war bisher der vierte Platz bei den Heim-Sommerspielen 1968. Nie gab es mehr Zuschauer bei einem olympischen Fußballspiel als beim Spiel um Platz drei: 105.000 Fans waren im Aztekenstadion dabei, als Mexiko 0:2 gegen Japan verlor.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.08.2012)

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