London. Anthony Ogogo fällt es dieser Tage schwer, sich auf Deckung und Aufwärtshaken zu konzentrieren. „Dieser Sieg ist für meine Mutter“, stotterte der Brite nach seinem ersten, erfolgreich bestrittenen Kampf im Mittelgewicht. Ogogo, der Familienmensch, ist emotional zerrissen.
Vor zwei Monaten wurde bei Teresa, seiner Mutter, eine Gehirnblutung diagnostiziert. „Und sie liegt noch immer im Bett. Ich kann es kaum erwarten, sie anzurufen“, sagte Ogogo, nicht nur von den Strapazen im Ring mitgenommen.
Olympia hilft dem 23-Jährigen dabei, den sportlichen Fokus trotz aller seelischen Belastungen nicht zu verlieren. Vor elf Jahren schnürte das Allround-Talent – Ogogo spielte bis zum 15. Lebensjahr für Norwich City Fußball – erstmals die Boxhandschuhe. „Seitdem ist es mein ultimatives Ziel, Olympia-Sieger zu werden.“
Nur noch zwei Siege fehlen zur Realisierung des Traumes. Der Weg ins Halbfinale war von jubelnden Briten und empörten Konkurrenten geprägt.
„Wegen Publikum bevorzugt“
Im Achtelfinale war Ogogo gegen den ukrainischen Weltmeister Jewgen Chytrow der augenscheinlich schwächere Boxer. Die Punktrichter werteten den Kampf jedoch mit 18:18, stimmten schließlich mehrheitlich für den Lokalmatador. Auch im Viertelfinale zog das Kampfurteil hitzige Diskussionen nach sich. Der Deutsche Stefan Härtel unterlag mit 10:15. Alle drei Runden wurden gegen den 24-jährigen Berliner gewertet, obwohl er zumindest die zweite dominiert hatte. Die deutsche Delegation war außer sich. Jürgen Kyas, der Präsident des Deutschen Boxsport-Verbandes, nannte das Zustandekommen des Urteils „eine Frechheit“ und sprach von einer klaren Bevorzugung des Briten. „Die Punktrichter haben nicht den Mut besessen, die gebotene Neutralität durchzusetzen und haben diese stattdessen mit Füßen getreten.“ Sportdirektor Michael Müller witterte eine Verschwörung. „Unser Athlet hat klar gewonnen. Die Kampfrichter sind dem britischen Wahn erlegen. Der Krach und das Theater in der Halle sind nicht spurlos an ihnen vorbeigegangen.“
Tatsächlich hatten hunderte Zuschauer jeden noch so unscheinbaren Treffer des Briten frenetisch bejubelt. Selbst ausländische Trainer und Funktionäre hatten bekundet, Härtel sei der eigentliche Sieger. Bereits zu Beginn des olympischen Boxturniers waren Ringrichter nach umstrittenen Entscheidungen scharf kritisiert worden. Der deutsche Unparteiische Frank Scharmach wurde sogar für fünf Tage suspendiert. Ogogo sind sämtliche Diskussionen herzlich egal. Er sagt: „Mit diesen Fans kann ich jeden schlagen.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.08.2012)
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