Lopez Lomong lächelt. Der Leichtathlet hat das 5000-Meter-Finale bei den Olympischen Spielen in London erreicht, er kann Samstagabend eine Medaille gewinnen. Für Amerika, sich und seine Freunde im Südsudan, die er seit Jahren weder gesehen noch gehört hat. Seiner Vergangenheit trauert der 27-Jährige aber nicht nach, er versucht den Erinnerungen auch heute noch täglich davonzulaufen. Lopez Lomong wurde als Kindersoldat eingesetzt. Den Klang einer AK-47, des weltweit am meisten verwendeten Maschinengewehrs, wird er nie vergessen.
Als Sechsjähriger wurde er von seiner Familie, die in Kimotong lebte, bei einem Überfall von Milizen während der Sonntagsmesse entführt. Gekidnappt von Soldaten, die nur darauf aus waren, „Personal aus der Bevölkerung aufzutreiben und im Krieg die besseren Waffen zu besitzen“, sagt Lopez. Die Kinder wurden zusammengepfercht in einem Gefängnis, als Pfand, als angehende, gedrillte Mörder. Die Geschichten sind bekannt, folgt man aber Lomongs Schilderungen, klingt es noch schlimmer. „Ich sah jeden Tag Kinder, die neben mir starben. Irgendwann war ich so weit, ich wusste: Der nächste, der draufgeht, bin ich . . .“
Wenige Wochen später aber gewann Lopez Lomong das wichtigste Rennen seiner Karriere. Ihm gelang mitten in der Nacht die Flucht, drei ältere Kinder halfen ihm dabei. Sie hatten ein Loch in den Zaun geschnitten. Das war der Lauf in die Freiheit, von dem Lomong heute sagt, dass es ihm egal gewesen wäre, wenn man ihm hinterhergeschossen hätte. Er wäre weiter und weiter, immer weiter gelaufen. Barfuß, orientierungslos, hungrig, geprügelt, er hatte einfach keine andere Wahl.
Drei Nächte später erreichten die Kinder Kenia. Lomong war gerettet, musste aber zehn Jahre in einem Flüchtlingsheim ausharren, ehe sich ihm 2001 die Chance eröffnete. Er war einer von 4000 „Lost Boys“, die über ein UN-Programm in Amerika ein neues Zuhause fanden.
„Irgendwer muss doch helfen!“
Der Teenager landete in Tully, einer Stadt nahe New York. Er ging in die Schule und begann mit der Leichtathletik. 2007 wurde er auf Anhieb NCAA-Meister über 3000 Meter in der Halle und 1500 Meter im Freien. Dann bekam er den US-Pass und schaffte es 2008 ins Olympia-Team. Er trug in Peking sogar „Stars and Stripes“ bei der Eröffnungsfeier, als „Signal. Olympia ist super, es sind so viele Menschen dabei“, sagt Lopez und träumt von einer Medaille, um seiner eigenen Stiftung und der Zusammenarbeit mit World Vision weiteren Auftrieb zu verleihen.
Natürlich setzt er sich dafür ein, den Menschen im Südsudan weiterhin zu helfen, ohne Hilfe wäre er doch nie aus dem Gefängnis gekommen, sagt er. „Wir müssen den Menschen helfen. Ich rede hier nicht von Luxusgütern, sondern von Trinkwasser und Medizin. Für Amerikaner ist es normal, Wasser zu trinken. Im Südsudan nicht.“ Irgendwer müsse doch etwas unternehmen . . .
Viele Nationen hätten lange nur zugeschaut, auch Amerika. Das weiß Lopez Lomong. Doch die USA gaben ihm ein neues Leben, Hoffnung. Olympia ist seine Chance, der Welt zu zeigen, dass es einem Kind gelingen kann, das Schlachtfeld zu verlassen. Zigtausende Kindersoldaten schaffen es aber nicht. „Der Südsudan hat seine Unabhängigkeit bekommen, die Menschen kämpfen aber immer noch mit vielen Problemen. Ein 15-jähriges Mädchen stirbt eher bei der Geburt eines Kindes, als dass es die Schule beendet.“
Lopez Lomong weiß, wovon er spricht. Er arbeitet für „Team Darfur“, eine Gruppe von Sportlern, die jene Länder anprangern, die die skrupellosen Machthaber fördern. Die Reaktionen der Politik sind zwar bescheiden, im Rahmen dieser Arbeit fand er aber seine totgeglaubte Mutter und vier seiner Geschwister in Kenia wieder. Es sei ein wunderbarer Moment gewesen, unvergesslich. Dennoch, der Lauf für die Freiheit geht weiter.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.08.2012)
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