1000 Meter in knapp über drei Minuten – eine lösbare Aufgabe für jeden, der sich topfit fühlt. Aber wie weit kann er laufen in diesem Höllentempo? Und schon seit Jahren stellt sich die Frage: Wann fällt die Traummarke von zwei Stunden auf der längsten olympischen Strecke?
Die Luft ist verdammt dünn geworden in der Weltspitze. Der 27-jährige Kenianer Patrick Makau hält die offizielle Bestmarke mit 2:03,38 Stunden. Angesichts der enormen Entwicklung in den vergangenen Jahren wird es brisant, welcher Kenianer künftig noch schneller läuft als Landsmann Makau. Mehrere Dutzend Männer aus dem Land zwischen Indischem Ozean und Victoriasee kämpfen bei allen größeren Marathons um die üppigen Siegprämien. Und jeder hat den Wunsch, nach dem ersten Olympiasieg eines Kenianers (Samuel Kamau 2008 in Peking) auch in London 2012 zu triumphieren. Die ostafrikanischen Läufer trainieren professioneller und härter denn je, nun auch häufig in Gruppen. Und sie nützen weiterhin die geografischen Vorteile ihrer Heimat, um in der dünnen Höhenluft optimale Ausdauergrundlagen zu erarbeiten.
Die meisten Marathonstars stammen aus dem Baringo District in Rift Valley oder vom Massiv rund um den 5200 Meter hohen Mount Kenya. Ein weiterer Grund für die Stärke der Kenianer neben der Höhenlage soll der angeborene Sinn für sportlichen Wettkampf sein.
Weltrekord darf man heute in London keinen erwarten, geschweige denn ein Durchbrechen der Schallmauer. Denn im Gegensatz zu den Diamond-League-Meetings gibt es bei Olympia keine Tempomacher.
Österreichs Beitrag im olympischen Marathon ist Günther Weidlinger. Der 34-jährige Oberösterreicher hat sich in einem Höhentrainingslager in St. Moritz auf London vorbereitet. Im Interview mit den „Oberösterreichischen Nachrichten“ meint er zu den aktuellen Diskussionen um das schlechte Abschneiden des Teams Austria: „Ich weiß nicht, ob ich das sagen darf, aber das, was der Minister getan hat, halte ich für eine Katastrophe. Während der Spiele eine Diskussion über das Sportsystem anzufangen und die besten Sportler des Landes zu kritisieren, finde ich nicht okay. Vor allem nicht für die Leute, die ihren Olympiastart noch vor sich haben. Schön, dass uns wenigstens das ÖOC den Rücken stärkt.“
Im Blickpunkt steht Guor Marial, einer von vier „staatenlosen“ Athleten, die in London startberechtigt sind bzw. waren. Erst zum dritten Mal in der Geschichte von olympischen Spielen werden Athleten ohne Staatsbürgerschaft als unabhängige Teilnehmer anerkannt. Der Bürgerkriegsflüchtling Marial fühlt sich oft einsam. „Die anderen fragen mich oft, woher ich komme“, erzählt er. „Aber ich weiß, dass die ganze Welt geholfen hat, dass ich hier sein kann. Also laufe ich für alle, für die USA, wo ich wohne – und für mein Land.“ Sein Land, das ist der Südsudan.
Als Guor Marial acht Jahre alt war, wurde er von bewaffneten Banden verschleppt. Nach einer Woche gelang ihm die Flucht, schon damals drehte sich alles ums Laufen. Um das Davonlaufen vor der Zwangsarbeit und dem Bürgerkrieg.
Er schaffte es über die Grenze nach Ägypten, von dort aus in die Vereinigten Staaten, wo sein Onkel lebt. Marial schaffte es es an die Highschool in Concord, Kalifornien, dank Sportstipendium an die Iowa State University samt Abschluss in Chemie.
Den Marathon läuft der Staatenlose, der keinen Reisepass besitzt, in 2:14,32. Dank Sondererlaubnis vom IOC – der Südsudan hat kein eigenes anerkanntes olympisches Komitee – wird der Olympia-Traum heute in London wahr. „Denn Sport ist ein Menschenrecht.“ adro/wie
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.08.2012)
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