QINGDAO (ag./red.). Noch sind nicht einmal alle Boote und ihre Segel von den Kampfrichtern vermessen, schon gehen bei den Seglern die Wogen hoch. Denn die Elite der Tornado-Klasse, in der Roman Hagara und Hans-Peter Steinacher den dritten Olympiasieg en suite anstreben, formiert sich gegen den „Code Zero“: Ein spezielles Vorsegel, das kleiner als die üblicherweise verwendeten Gennaker ist. (Gennaker sind die, zumeist aus farbigem Stoff geschneiderten Segel). Weil der „Code Zero“ aber im Vergleich kleiner ist, kann das Tuch nicht nur beim Segeln mit dem Wind im Rücken (Vorwindkurs), sondern auch auf dem Zickzackkurs gegen den Wind (Kreuz) verwendet werden. „Bei Leichtwind sind wir gegen dieses Segel alle chancenlos“, erklärte Vorschoter Hans Peter Steinacher.
Die Aufregung um den „Code Zero“ war entstanden, weil die US-Amerikaner John Lovell/Charlie Ogletree, die Niederländer Mitch Booth/Pim Nieuwenhuis und die Australier Daron Bundock/Glenn Ashby dieses Segel bei Trainingsfahrten gehisst hatten.
Dass Bundock zu dieser Gruppe zählt, überrascht nicht. Immerhin steht für ihn einiges auf dem Spiel, ist doch die Tornado-Klasse 2008 ein letztes Mal olympisch: 2000 hatte er sich bei den Heimspielen vor Sydney hinter Hagara/Steinacher mit Silber begnügen müssen, Jahre später in Athen war er als Sechster leer ausgegangen.
Pikanter Hintergrund
Die Segler fragen sich nun, ob es überhaupt regelkonform ist, mit diesem Segeltyp anzutreten. „Die Tornado-Klasse ist eine One-Design-Klasse“, sagt Steuermann Roman Hagara und verweist auf die vorgeschriebene Einheitlichkeit der Boote. „Deshalb stehen wir auf dem Standpunkt, dass die neue Entwicklung der Niederlande, USA und von Australien nicht dem Reglement entsprechen.“ Die Teams wollen nun erst einmal die Vermessung abwarten: „Vorher kann man nicht einmal einen Protest einlegen“, meinte Hagara.
Die Frage, ob der „Code Zero“ zugelassen wird, spielt vor einem pikanten Hintergrund. Die Tornado-Klassenpräsidentin, die Belgierin Carolijn Brouwer, die bei den Spielen selber antritt, ist nämlich die Lebensgefährtin des Australiers Daron Bundock. Und der zählt wiederum zur Gruppe der „Revoluzzer“. Stimmt Brouwer der Zulässigkeit des „Code Zero“ zu, handelt sie sich möglicherweise einen persönlichen Wettbewerbsnachteil, jedenfalls aber den Vorwurf der Begünstigung ihres Freundes, ein. Noch aber lässt die Entscheidung auf sich warten. „Wir gehen davon aus, dass das Segel nicht zugelassen wird“, meinten Hagara und Steinacher.
Gerücht um Startboykott
Dass die drei Crews den „Code Zero“, den Hagara/Steinacher zwar kennen, aber noch nie selbst ausprobiert haben, gesetzt hatten, halten die beiden aber bloß für Pokern. Das Experimentieren mit Material gehöre eben zu den taktischen Manövern vor dem Start, um die Konkurrenz nervös zu machen. In diese Kategorie zählt auch das Gerücht, das Donnerstag die Runde machte: Hagara/Steinacher würden überlegen, nicht anzutreten, sollte der „Code Zero“ zugelassen werden...
■Die Fetzen fliegen bei den Tornado-Segler. Drei Crews wollen mit speziellen Segeln antreten und so bei Leichtwindbedingungen Vorteile für sich verbuchen.
■DieDoppel-Olympiasieger Roman Hagara und Hans-Peter Steinacher unterstützen die Proteste und sind gegen die Zulässigkeit des „Code Zero“, weil das den Wettbewerb verzerren würde und drohen damit, nicht an den Start zu gehen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.08.2008)

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