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Olympia 2008: Der große Sprung zurück?

24.08.2008 | 17:53 |  THOMAS SEIFERT (Die Presse)

China bewies, wozu sein hart arbeitendes Volk fähig ist. Und das Politbüro der KP bewies, wozu es nicht fähig ist.

China hat die Welt beeindruckt: Die Mobilisierung gewaltiger menschlicher und finanzieller Ressourcen; eine groß angelegte Kampagne zur Beeinflussung der Bevölkerung: Kein öffentliches Ausspucken mehr! Englisch lernen! Ströme von internationalem Kapital, die nach Peking, eine der dynamischsten Städte der Welt, fließen.

Die Megalomanie moderner olympischer Spiele kommt dem Reich der Mitte entgegen: Das Land war seit jeher fähig, gigantische, übermenschliche Projekte umzusetzen: Von der chinesischen Mauer über den 1200 Jahre alten Kaiserkanal – mit 1800 Kilometern die längste von Menschenhand erbaute Wasserstraße – bis hin zum Drei-Schluchten-Staudamm und eben der olympischen Baumanie in Peking, bei der 40 Milliarden Dollar in U-Bahnen, den Flughafenausbau und 19 Sportstätten geflossen sind.

Da verwundert eine atemberaubende Eröffnungszeremonie wenig. China hat bewiesen, wozu sein hart arbeitendes und ambitioniertes Volk fähig ist. Da hätte es dem von der pendantischen Polit-Elite angeordneten Synchronisations-Schummeleien und Videotricks gar nicht bedurft.

Chinas Führung wiederum hat bewiesen, wozu sie (noch) nicht in der Lage ist: Erstmals würden die Behörden Proteste in vorher festgelegten Zonen zulassen, wenn man vorher die entsprechenden Genehmigungen einholt, hieß es. Eine Falle, wie eine Reihe von Chinesen erfahren musste. Dutzende, die die unverhofften neuen Freiheiten in Anspruch nehmen wollten, wurden verhaftet – darunter zwei über 70-jährige Frauen. Nicolas Kristof, ein erfahrener China-Beobachter der „New York Times“, witzelte über die Effizienzsteigerung der Behörden: Wozu soll der Geheimdienst mühevoll Dissidenten und Unruhestifter ausforschen, wenn man sie ganz bequem zwecks Demonstrationsanmeldung auf die Polizeiwache bitten und dort verhaften kann? Und das sind noch vergleichsweise harmlose Beispiele von Menschenrechtsverletzungen in China.

Jene Optimisten, die darauf gehofft hatten, dass die Olympischen Spiele ein Katalysator für eine freiere, offenere Gesellschaft sein würden, wurden rasch enttäuscht. Jacques Rogge, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) hatte im August 2007 versprochen: „Wir sind überzeugt, dass die Spiele die Menschenrechte so weit wie möglich fördern werden.“ Heute wissen wir, dass Rogges Verheißung hohl war: Menschenrechtsorganisationen sehen Rückschritte und sprechen vom „großen Sprung zurück“. Es ging bei Olympia nicht um „Eine Welt – Ein Traum“, sondern dem IOC ums Geldverdienen und dem Gastgeberland um die Mehrung des internationalen Prestige. China hat hart gearbeitet, um im Medaillenspiegel an die Spitze zu stoßen: Das ist gelungen.

Das Land dürstet nach globaler Anerkennung. Immer wieder erinnern chinesische Gesprächspartner an „guóchi“, an die nationale Schmach, die Erniedrigung durch ausländische Mächte: Zwei verlorene Opiumkriege, die koloniale Landnahme durch die Europäer, die Invasion der Japaner 1931. Doch nun sei China wieder ein stolzes, selbstbewusstes Mitglied der internationalen Staatengemeinschaft. Dass weder der von Mao Zedong verordnete „Große Sprung nach vorn“, der Millionen das Leben kostete oder in den Hunger trieb, noch die blutige Kulturrevolution und auch nicht das Massaker am Tiananmen-Platz als Schmach gewertet werden, spricht Bände.


Die Pekinger Spiele werden wohl in die Geschichtsbücher Eingang finden: als sichtbarstes Symbol für den (Wieder-)Aufstieg Chinas. Denn die historische Anomalie der Vorherrschaft des Westens neigt sich dem Ende zu. Bis ins 15. Jahrhundert, erklären Wirtschaftshistoriker, waren Indien und China die beiden größten Wirtschaftsmächte. Am Ende dieses Jahrhunderts könnte es wieder soweit sein. Diese Verschiebung der politischen Plattentektonik kann nur dann friedlich verlaufen, wenn China die Welt besser versteht und umgekehrt.

Die gestrige Schlusszeremonie der Olympischen Spiele sollte daher auch ein Weckruf an den Westen sein: Wir brauchen Neugierde auf ein Land mit einer faszinierenden Kultur und Sprache. Wettbewerbsgeist in der Konkurrenz mit einer explosionsartig wachsenden Volkswirtschaft. Und Offenheit gegenüber einem Volk, das sich während dieser Spiele der Welt so fröhlich präsentiert hat. Dabei dürfen wir aber auf einen kritischen Dialog mit den Machthabern in Peking nicht vergessen.

Ende der Pekinger Spiele Seiten 21, 22


thomas.seifert@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.08.2008)


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1 Kommentar
 
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Von Helmut Magnana am 24.08.2008 um 22:44

Nur große Diktaturen schaffen große Shows!

Historisch sensibilisiert durch die einschlägigen Erfahrungen mit dem Ablauf der Olympischen Spiele 1936 in Berlin sehen wir halt vieles anders als Menschen aus Ländern, die NICHT ständig damit beschäftigt sind, ihre Vergangenheit "aufzuarbeiten". Bei UNS klingeln aber gleich die Alarmglocken, wenn wir irgendwo HINTER die protzig aufgebauten Kulissen blicken und dabei nur eklatante Menschenrechtsverletzungen erkennen können!

Rogges Beschreibung für Peking 2008 könnte genau so gut (oder schlecht) auf Berlin 1936 passen. Diktaturen schaffen mit unbegrenztem finanziellem Aufwand und auch entsprechend "Menschenmaterial" tatsächlich die beeindruckendsten Shows. Mich persönlich läßt so etwas dann kalt, wenn ich an die WAHREN Lebensbedingungen in solchen Ländern denke!

Aber zugegebnermaßen muß ich der Raffinesse Respekt zollen, mit der Diktaturen ihre "nationale Karte" ausspielen und ihr Volk dadurch in Euphorie versetzen. Bei uns "politisch Korrekten" wäre so etwas kaum möglich...

 
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