Als ich das Pressezentrum auf dem Olympiagelände verließ, traf ich auf geschäftstüchtige Chinesen direkt vor der Sicherheitsschleuse. Sie verscherbelten nicht nur Souvenirs, sie boten interessantere Ware feil – Uhren, echt gefälscht: „Copy-Rolex, für Sie extra günstig!“
Das ist zwar illegal, aber niemand störte sich daran. Hätte aber einer der Händler statt illegaler Uhren Stirnbänder mit der Aufschrift „Für die Abschaffung der Arbeitslager!“ angeboten, wäre er binnen Minuten aus dem Verkehr gezogen worden. Denn die Kontrolleure waren dafür da, politisch unerwünschte Äußerungen zu verhindern, aber nicht, jemandem das Geschäft zu vermiesen.
Das gehört im Rückblick dieser faszinierenden 16 Tage zu den wichtigen Erinnerungen: die Überwachung der Bevölkerung war effektiv und flexibel zugleich. Wer protestierte, wurde schnell und meistens unauffällig festgesetzt.
Gleichzeitig loben Besucher und Journalisten die „unkomplizierten“ Sicherheitsvorkehrungen. Wenn es eine Goldmedaille im Organisieren gäbe, hätte China sie mit großem Abstand gewonnen. Alles Hässliche wurde aus dem Blickfeld geschafft.
China, die Partei, Olympia und die Sponsoren verbanden sich zur patriotischen Einheit im großen Farbenmeer der vergangenen Tage unter dem Motto „Neues Peking, Neues Olympia“. Die chinesischen Medien zählen die Medaillen und analysieren die sportlichen Erfolge und Niederlagen. China hat bewiesen, dass sein Sportfördersystem erfolgreich in kürzester Zeit zig Goldmedaillen produzieren kann.
Kühle Köpfe fragen sich nun aber auch: Was bedeutet dieses Gold für uns? Was verrät das alles über unser Land? Diese Debatte hat in China gerade erst begonnen, sie verspricht spannend zu werden, und ich freue mich darauf.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.08.2008)
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