Whistler. Es war wie verhext. Gerade als Elisabeth Görgl als Halbzeitführende den olympischen Riesentorlauf in Angriff nahm, fiel im Mittelteil der Strecke dichter Nebel ein. Und so nahm das Schicksal seinen Lauf.
Görgl hielt im ersten Abschnitt ihren Vorsprung, verlor im Nebel sehr viel Zeit und kämpfte sich mit einem fulminanten Endspurt auf das Podium zurück. „Der Lauf hätte noch etwas länger gehen können“, meinte Görgl im Ziel. Angesprochen auf den Nebel meinte sie: „Ich habe mich nur auf mein Rennen konzentriert und nicht auf die äußeren Umstände.“
Nach den Plätzen 1, 2 und 4 zur Halbzeit hatten sich die ÖSV-Leute allerdings mehr erwartet. „Letztendlich war es noch eine gewonnene Medaille“, resümiert ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel. In Anbetracht der widrigen Umstände sei Görgls Bronzemedaille gar nicht hoch genug einzuschätzen.
Es fehlten 16 Hundertstel
An Ende fehlten 16 Hundertstelsekunden auf den Sieg. Der ging an die erst 20-jährige Deutsche Viktoria Rebensburg. Sie verstand es am besten, an diesen zwei Tagen zwei gleichmäßige, solide Läufe zu absolvieren. Sechste Laufzeit im ersten, siebente im zweiten Durchgang waren Goldes Wert.
Wer hier von einem Überraschungssieg spricht, hat die Zeichen der Zeit im Damenskisport noch nicht erkannt. Viktoria Rebensburg gilt seit ihrem Weltcupdebüt als Sechzehnjährige im Dezember 2006 als eines der größten Talente im Skizirkus. Bei den Junioren gewann sie alles, was es zu gewinnen gibt. Und in der heurigen Weltcupsaison kam der sympathische Blondschopf aus Kreuth in Oberbayern immer besser in Schuss.
Im letzten Weltcuprennen vor Vancouver in Cortina holte Rebensburg ihren ersten Podestplatz mit Rang zwei. „Und da habe ich allerdings einen Haufen Fehler gemacht“, erinnert sich die Olympiasiegerin und meint zu ihrem ersten Sieg: „Ich hab gewusst, dass ich es kann.“ Und deshalb stand sie ganz oben auf dem Podest, flankiert von der Slowenin Tina Maze und Elisabeth Görgl.
„Schlampiges Genie“
„Viktoria ist ein schlampiges Genie“, sagte DSV-Techniktrainer Christian Schwaiger. „Sie fährt einen der schnellsten Schwünge im gesamten Weltcup, aber leider wollte sie in der Vergangenheit allzu oft mit dem Kopf durch die Wand“, meinte der strahlende Betreuer und fügte hinzu: „Aber vielleicht muss man so sein, um eine ganz Große zu werden.“
Viktoria Rebensburg wird keine olympische Eintagsfliege, davon sind ihre Betreuer überzeugt. „So wie sie fährt, das ist die Zukunft“, meint Deutschlands Alpiner Sportdirektor Wolfgang Maier. Rebensburg Fahrstil birgt allerdings hohes Risiko. Es besteht immer die Gefahr, dass sie in Rücklage gerät. „Beim letzten Übergang vor dem Ziel hatte ich deshalb ein kleines Problem“, gesteht die Olympiasiegerin.
Zettel ohne Angriffsgeist
Während das deutsche Damen-Skiteam über die zweite Goldmedaille nach Maria Riesch in der Kombination jubelte, war bei den Österreichern gleich nach dem Rennen schonungslose Manöverkritik angesagt. Damen-Cheftrainer Herbert Mandl war fuchsteufelswild über die Vorstellung von Kathrin Zettel, die sich mit dem fünften Platz abfinden musste. Die routinierte Niederösterreicherin habe nie richtig angegriffen, habe so sukzessive Zeit eingebüßt. „So fährt man nicht, wenn man eine Medaille gewinnen will“, meinte Mandl.
Doch Zettel wusste ohnehin selbst, dass sie an diesem Tag nicht die Leistung gebracht hat, zu der sie fähig ist. Mit kreidebleichem Gesicht verließ sie enttäuscht den Zielraum. Die 23-Jährig hat heute im Slalom die Möglichkeit zur Rehabilitation.
Während die eine über ihren fünften Platz enttäuscht war, konnte die andere, Eva-Maria Brehm, über ihren siebenten Rang lächeln. Für die 21-jährige Tirolerin waren es die ersten Winterspiele – und bestimmt nicht die letzten.
Endstand:
- Viktoria Rebensburg GER, 2:27,11
- Tina Maze SLO, 2:27,15
- Elisabeth Görgl AUT, 2:27,25
- Fabienne Suter SUI, 2:27,52
- Kathrin Zettel AUT, 2:27,53
- Kathrin Hölzl GER, 2:27,58
- Eva-Maria Brem AUT, 2:27,62
- Julia Mancuso USA, 2:27,66
- 29. Taina Barioz FRA, 2:27,79
- Maria Riesch GER, 2:27,97
- Anemone Marmottan FRA, 2:28,00
- Olivia Bertrand FRA, 2:28,13
- Tanja Poutiainen FIN, 2:28,17
- Sarah Schleper USA, 2:28,36
- Michaela Kirchgasser AUT, 2:28,40
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26. 2. 2010)

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