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Ein gebrochenes Bein ist bei Olympia doch kein Beinbruch

10.08.2012 | 18:26 |  MARKKU DATLER (Die Presse)

US-Leichtathlet Manteo Mitchell bewies wahren Teamgeist. Der 25-jährige Staffelläufer verdrängte alle Schmerzen und lief eine halbe Stadionrunde mit einem Wadenbeinbruch.

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Bei Olympia kennen Sportler keine Schmerzen. Sie bereiten sich vier Jahre auf dieses Ereignis vor, und wenn der große Moment gekommen ist, muss Leistung her. Das muss sich der US-Leichtathlet Manteo Mitchell gedacht haben. Anders ist das Erlebte nicht zu erklären, es ist schlichtweg unvorstellbar. Der 25-Jährige war Startläufer der 4x400-Meter-Staffel – und lief die halbe Stadionrunde mit einem gebrochenen Wadenbein. Er übergab den Stab trotzdem, nach 46,16 Sekunden. „Normalverbaucher“ schaffen diese Zeit nur schwer.

Die Schmerzen müssen enorm gewesen sein, doch die Tatsache, dass der Amerikaner während seines Laufes selbst noch nicht wusste, dass der Knochen gebrochen war, dürfte mitgeholfen haben, diese Pein zu meistern. Erst im Spital erfuhr Mitchell die Diagnose. Er hatte sich den Knochen im linken Bein bereits vor Tagen beim Ausrutschen im olympischen Dorf angeknackst.

Das Wadenbein leitet die einwirkenden Kräfte auf Bein und Gelenke. Viele wären, sobald sie wie Mitchell den lauten Knacks vernommen und den stechenden Schmerz verspürt hätten, sofort stehen geblieben. Sie hätten sich abtransportieren lassen, was ja auch als nicht ganz unvernünftig verstanden worden wäre. Der Athlet aus Cullowhee, North Carolina, aber lief weiter, er sagt: „Ich spürte, dass wir es noch ins Finale schaffen können, und ich wollte doch meine Teamkollegen nicht im Stich lassen. Ich habe aber bei jedem Schritt geschrien. Weil aber das Publikum im Stadion so laut war, konnte ich meine eigenen Schreie nicht hören.“ In Amerika ist Manteo Mitchell für diese Tat nun ein Held, und weil er in diesem Rennen mitgemacht hat, ist ihm auch ohne Finalteilnahme eine Medaille gewiss.

Natürlich passieren Verletzungen dieser Art auf der Laufbahn immer wieder, zuletzt brach sich etwa der Bulgare Georgi Kirilov Georgiev im Juni bei der EM in Helsinki im 100-Meter-Lauf das Bein. Aber 200 Meter im vollen Renntempo noch zu absolvieren ist nahezu unmenschlich. Das verlangt tatsächlich Hingabe und Opferbereitschaft. Das ist wahrer Teamgeist.

Bei Manteo Mitchell aber gibt es noch einen ganz anderen Aspekt: Er wollte eigentlich Footballer werden und hätte es auf der High School auch ins Team geschafft, doch ein – gebrochener – Arm stoppte das Unterfangen jäh. Und einen zweiten Lebenstraum wollte er sich nicht mehr nehmen lassen. Schon gar nicht bei Olympia.

 

E-Mails an: markku.datler@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2012)

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