Niemand hätte gedacht, dass das beste Vorrundenspiel heute im Finale von Kiew eine Neuauflage erlebt. Nach dieser Erfahrung, die sich als sehr wertvoll erweisen kann, zeigen die Spanier als Weltmeister und Titelverteidiger großen Respekt vor den Italienern, die immer dann erst das wahre Gesicht zeigen, wenn nicht wirklich damit zu rechnen ist. Die „Squadra Azzurra“ ist ein Angstgegner, das trifft nicht nur auf die Deutschen zu. Das Ausscheiden der Löw-Truppe war ein hausgemachtes Problem, das wird den Spaniern nicht passieren. Aber die Vergangenheit lehrt, dass Italien alles andere als ein Lieblingsgegner ist. Zwar haben die Iberer das EM-Viertelfinale 2008 nach Elferschießen für sich entscheiden können, gewertet wurde aber offiziell ein Unentschieden. Damit steht ein einziger Erfolg in elf Pflichtspielen zu Buche – und der liegt fast hundert Jahre zurück. Er trug sich 1920 bei Olympia in Antwerpen zu.
Spanien gegen Italien, das wird auch ein Kampf der taktischen Konzepte. Auf der einen Seite regiert das 4-6-0-System, dieses stürmerlose Ungeheuer, mit dem man sich nur schwer anfreunden kann, das aber so wahnsinnig erfolgreich ist. Auf der anderen Seite erstrahlt ein 4-4-2-System, das man bei großen Turnieren schon länger nicht mehr gesehen hat. Italien agiert mit zwei echten Spitzen, das haben sich nicht einmal die Löw'schen Jungs getraut. Dabei hat Deutschland immer nur vom Titel gesprochen, immer nur nach Spanien geschielt – und dabei ganz auf Italien vergessen. Vor allem auf Andrea Pirlo, einen der letzten „Architekten“ seiner Zunft. Ein Regisseur mit der feinsten Klinge bei diesem Turnier, eine Art von Spieler, die es heutzutage schon fast nicht mehr gibt. Ein feingliedriger Fußball-Dinosaurier, der auf den ersten Blick anachronistisch erscheint, bei näherer Betrachtung aber genau über jene Qualitäten verfügt, die dem Rest Europas fehlt. Nur den Spaniern eben nicht mit ihren Xavis und Iniestas.
Was Spanien fehlt, das ist ein Mario Balotelli. Er ist der Anti-Pirlo, die geballte Ladung, die Angst und Schrecken verbreitet. Die beiden Tore gegen Deutschland haben sein Fußballerleben verändert. Der Gedemütigte, Geschmähte und Verachtete ist plötzlich ein Held. Noch vor zwei Wochen wurde er bei der EM mit Bananen beworfen, jetzt ist er der Stolz eines ganzen Landes. „Unser erster wirklich populärer Schwarzer“, schrieb der „Corriere della Serra“. Die „Kronen Zeitung“ hätte in Anlehnung an Ivica Vastićs WM-Treffer 1998 wohl getitelt: „Mario, jetzt bist du ein echter Italiener!“
wolfgang.wiederstein@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.07.2012)
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