Österreichs Sport scheint den Tiefpunkt erreicht zu haben, die magere Ausbeute an Spitzenplatzierungen bei den Sommerspielen in London hat eine Welle der Empörung ausgelöst. Es musste schon eine Bruchlandung her, damit den verantwortlichen Politikern und Funktionären die Augen geöffnet werden. Eine konstruktive Aufarbeitung der Misserfolge aber hat bis jetzt nicht stattgefunden, weil Angriff die beste Verteidigung ist. Schon jetzt haben sich die Fronten verhärtet, die Messer fliegen tief, sogar auf Parteifreunde wird keine Rücksicht mehr genommen. Das kann ja heiter werden, wenn die Schmach sogar so weit führt, dass die Causa Olympia-Flop Thema einer Sondersitzung im Parlament werden soll.
Der Sportminister hat die Diskussion um die Spitzensportförderung in London früh losgetreten, Norbert Darabos hat nach nur einer Woche klar Stellung bezogen. Er will das Gießkannenprinzip abschaffen, künftig vor allem jene Sportarten fördern, die auch erfolgsversprechend sind. Über diesen Ansatz kann man diskutieren, ob das australische Modell, vor den Sommerspielen 2000 entwickelt, auch auf Österreich übertragbar ist, das muss man bezweifeln. Und ob Österreich den Schritt zu einer Variante des Staatssports wagen sollte, das ist außerdem höchst diskussionswürdig. Wer das Geld nur mehr den Schwimmern zur Verfügung stellen will, der wird in der Ära nach Rogan und Jukic auch in Rio de Janeiro 2016 ein böses Erwachen erleben.
Das Darabos-Konzept liegt bereits seit zwei Jahren in der Schublade, umgesetzt hat der Sportminister noch nichts davon. Und es spricht auch nicht für führende innenpolitische Köpfe dieses Landes, wenn sie Norbert Darabos völlig unkritisch an den Lippen hängen. Aber sich einmal dem Schulsport und dem zuständigen Unterrichtsministerium zu widmen, das verspricht vermutlich zu wenig Schlagzeilenträchtiges oder Zitierungen.
Die Angriffe auf die Sportler, die heutzutage gern pauschal als Olympia-Touristen abgestempelt werden, waren zum Teil untergriffig. Wer Sportler nach London entsendet, die nicht einmal hierzulande Spitze sind, der kann bei Olympia keine Finalplatzierungen erwarten. Die Kritik von Norbert Darabos hat nun Karl Stoss, den Präsidenten des Österreichischen Olympischen Komitees (ÖOC), zornig gemacht. „Darabos war doch selbst ein Olympia-Tourist“ war sicher die schärfste Aussage des Casino-Chefs in diesem Zusammenhang. Auch der Idee, dass ÖSV-Präsident und OÖC-Vize Peter Schröcksnadel künftig bei der Talentsuche für Sommersportarten helfen soll, kann Stoss nichts abgewinnen. Wo kommen wir denn dahin, wenn womöglich die Skifahrer den Politikern das Kommando entreißen wollen?
wolfgang.wiederstein@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.08.2012)
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