Ein Steilpass in die Tiefe des Sports

10.11.2012 | 18:27 |  Wolfgang Wiederstein (Die Presse)

Österreichs Klubfußball ist in der internationalen Bedeutungslosigkeit angekommen. Teamchef Marcel Koller hat das zum Glück längst erkannt.

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Österreichs Fußballteamchef Marcel Koller hat sich sein eigenes Bild von der Alpenrepublik gemacht. Er hat auf Einflüsterer nicht gehört, längst erkannt, dass die heimische Bundesliga eben so ist, wie sie nun einmal ist. Die besten Spieler des Landes verdienen ihr Geld längst im Ausland – und das ist gut für die Entwicklung der Nationalmannschaft. Koller profitiert davon, aber wie überall im Leben gibt es auch eine Kehrseite der Medaille. Die rot-weiß-roten Spitzenklubs sind nicht mehr gut genug, um in der zweiten Kategorie des Europacups zu reüssieren. Salzburg träumt seit Beginn der Red-Bull-Ära von der Champions League, hat es bislang aber nicht geschafft, in den elitären Kreis der Besten vorzudringen. Die Wiener Austria war nicht einmal gut genug, um sich für die Europa League zu qualifizieren, Rapid wiederum ist in der Gruppenphase nur ein Punktelieferant.

Die Niederlagen bleiben freilich nicht ohne Folgen, daher wird Österreich auch den fünften Europacup-Startplatz (gilt für die Saison 2014/15) wieder verlieren. Rapid dafür verantwortlich zu machen, das wäre allerdings ungerecht, Salzburg wurde ja nicht dazu gezwungen, sich gegen Düdelingen zu verabschieden. Die Reduzierung auf vier Startplätze aber ist nur eine Selbstbereinigung, schon der Gedanke, dass sich jeder zweite Klub international messen darf, verursacht Unbehagen und leichte Panikattacken.

Wird Marcel Koller auf das Niveau der Bundesliga angesprochen, dann bleibt er immer Diplomat. Seine Länderspielnominierungen aber sprechen eine klare Sprache. Die Legionäre haben das Kommando übernommen, für Spieler aus der österreichischen Bundesliga wird es immer schwieriger, für teamreif befunden zu werden. Auch Philipp Hosiner, dem zuletzt zwei Triplepacks gelungen sind, muss das zur Kenntnis nehmen. Noch vor zwei Jahren hätte man den Austria-Stürmer mit Sicherheit mit Handkuss geholt.

Marcel Koller, der einige Jahre in Deutschland gearbeitet hat, weiß um die Stärke der Liga des Nachbarn. Er weiß, wie schwer es ist, sich bei Schalke, Mainz oder Werder durchzusetzen. Und er weiß, wie leicht es einem manchmal Gegner machen, um sich als Held feiern lassen zu können.

wolfgang.wiederstein@diepresse.com diepresse.com/sport

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.11.2012)

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