Wie krank ist der Spitzensport eigentlich geworden?

23.02.2013 | 18:37 |  von Wolfgang Wiederstein (Die Presse)

Eine Studie in Deutschland lässt Alarmglocken schrillen.

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Die Stiftung Deutsche Sporthilfe hat in dieser Woche die Ergebnisse einer anonymen Befragung veröffentlicht, eine Studie, die die Sportwelt ganz schön aufgeschreckt hat. Die Abgründe im Spitzensport sind alarmierend, da muss man nicht in China oder Russland zu suchen beginnen. Oder die dunklen Seiten an einem Lance Armstrong oder an Wettsyndikaten aufhängen. Das Böse, so muss man annehmen, ist überall.

Die Sporthilfe in Deutschland aber hat die Ergebnisse der Befragung nicht unter Verschluss gehalten, sondern schön brav offengelegt. Jetzt hat man ein Problem, dem man ein wenig ratlos gegenübersteht.

Für die Vorsitzende des Sportausschusses im Deutschen Bundestag, Dagmar Freitag, sind die Zahlen jedenfalls ein „Anlass zur Sorge“. Befragt wurden 1150 Sportlerinnen und Sportler. 5,9 Prozent der geförderten Athleten gaben an, regelmäßig zu Dopingmitteln zu greifen. 40,7 Prozent haben die Frage erst gar nicht beantwortet, was Anlass zu Spekulationen gibt.

An Absprachen über den Ausgang von Spielen oder Wettkämpfen waren nach eigenen Angaben schon 8,7 Prozent beteiligt. Dazu kommen 37,2 Prozent, die diese Frage danach zumindest nicht mit einem klaren Nein beantwortet haben. Zum Kreis der Befragten gehörten allerdings keine Fußballer, in dieser Causa die üblichen Verdächtigen.

Sport macht aber auch krank. Knapp ein Drittel der deutschen Athleten leidet an psychischen Erkrankungen. 9,3 Prozent gaben Depressionen an, 9,6 Prozent Essstörungen – 11,6 Prozent sprachen von einem Burn-out- Syndrom. Auch diese Daten werden ergänzt von der Tatsache, dass rund 40 Prozent eine solche Krankheit nicht ausschließen wollten.

Spitzensportler stehen unter extremem Druck, einige zerbrechen daran. Im Erfolgsdruck sehen die meisten das größte Problem, gefolgt vom Druck aus dem Umfeld, dem Streben nach Anerkennung und Existenzangst. 40,5 Prozent stimmten der These, dass sie gesundheitliche Probleme (mehr als jeder zehnte Athlet nimmt Schmerzmittel) bewusst in Kauf nehmen.

Die Deutsche Sporthilfe ist sich der Problematik schon länger bewusst. Und hat deshalb auch die Förderprinzipien verändert. Für Medaillen bei Welt- oder Europameisterschaften gibt es keine Sonderprämien mehr, stattdessen wird die duale Karriere unterstützt.

wolfgang.wiederstein@diepresse.com 

 

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.02.2013)

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