Einer Fussball-EM
Langsam habe ich genug von Fußball.“ Solche oder ähnliche Sätze hört und liest man bei dieser EM öfter. In TV-Runden, in Zeitungskommentaren. Sie stammen allerdings nicht von Fußballverweigerern, sondern von Anhängern, die sich über das Gewese rund um die EM beschweren: über die „Eventisierung“, die „Feuilletonisierung“ des Fußballs – und die Tatsache, dass plötzlich jeder etwas zum Thema sagen darf. Bei der WM 2006 sei das noch lustig gewesen, aber inzwischen nerve der Zirkus gewaltig.
Verständlich. Aber doch ironisch. Denn erstens wird die Beschwerde witzigerweise oft in feuilletonistischen Kolumnen vorgetragen, die selbst von der Metaebene aufs Spielfeld blicken. Zweitens hat man das Raunzen vergangener Dekaden im Ohr, wonach Fußball als „Proletensport“ abgekanzelt werde. Und nun, da der Erfolg da ist, kann man mit den Nebenwirkungen nicht leben? Zugegeben, mein Mitleid hält sich auch deshalb in Grenzen, weil diese kleine Kolumne sich ebenfalls strikt mit den EM-Nebensächlichkeiten beschäftigt, etwa der Frage: Wie jubelt man bei Toren? Menschen, die relativ unenthusiastisch durchs Leben gehen, tun sich nämlich schwer. Mehr als ein schüchternes „Hey“ ist nicht drin. Das fällt mitunter unangenehm auf. Ich erinnere mich an Ausflüge in den Fansektor, wo der Mann an meiner Seite aufgefordert wurde: „Oida, sag deiner Frau, sie soll aufstehen.“ Oder: „Oida, sie singt nicht.“ Insofern habe ich mir heuer Jubel verordnet. Stattdessen kam eine Luftröhrenentzündung. Nun ziehe ich bei Toren eine Augenbraue hoch. Und lese sonst still „Fußballfeuilleton“.
ulrike.weiser@diepresse.com diepresse.com/sport
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.06.2012)
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