Karl Schranz: Lichtgestalt mit Schattenseiten

Triumphe und Tragödien prägten seine Karriere. Heute lebt und liebt er als Familienmensch.

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(c) APA (Fritz Kern)

Kürzlich kam eine 65-Cent-Briefmarke heraus: Karl Schranz – Skilegende. Klingt banal, trifft aber den Kern. Um keinen heimischen Sportler ranken sich mehr Legenden als um ihn, der am 18. November, am Tag nach dem 73er von Toni Sailer, den Siebziger feiert. In alter Frische, weil er weit jünger wirkt. Ein Junggebliebener, obwohl Karriere und Leben von Triumphen und Tragödien geprägt wurden. Als einsamer Wolf vom Arlberg feierte er zig Siege nach dem Motto: Der Stärkste ist am stärksten allein.

Inzwischen ist er ganz Familienmensch im hoteleigenen Viermäderlhaus in St.Anton mit Frau Evelyne und drei Töchtern, von denen Anna ein „Rennen“ gewann, das viel schwerer zu gewinnen war als jedes der mehr als 100, das ihr Vater gewonnen hatte. Anna hat den Krebs besiegt mit der gleichen Härte, Ausdauer und Sturheit, die Karl Schranz auszeichnete, ihren Papa, den die Diagnose Krebs in die Verzweiflung gestürzt hatte: „Ich habe als Sportler immer gewusst, wie ich auf Niederlagen reagieren muss. Aber da war der Ofen aus, ich war macht- und ratlos. Ich hätte alles gegeben, von null begonnen, um Anna zu behalten. Bei so was relativiert sich alles!“

 

„Bua, du musst was lernen“

Als Annas Leben an einem Faden hing, der Schulmedizin hieß („Wir haben uns nie auf Wunderheiler eingelassen!“), wurde die von Kindesbeinen an immer dickere Haut Karls dünn wie nie. Alles, was ihn zum Stehaufmännchen gemacht hatte, das Revanche für Rückschläge nahm, zählte nichts. Dabei wurde er selbst zum starken Dickschädel, weil er früh gelernt hatte, sich gegen Schicksale zu stemmen. „1946 ist unser Haus abgebrannt, niemand hat was gehabt nach dem Krieg, wir nicht einmal mehr a Dach überm Kopf.“ Kaum hatte es sein (Eisenbahner-)Vater wieder aufgebaut, starb er, erst 49-jährig, an Krebs. Da galt Schranz schon als Skiwunderkind, das alle Schülerrennen gewann.

Das Machtwort, „Bua, du musst was lernen“, das die Mama sprach, brachte das Kästle-Talent zur Konkurrenz aus Kufstein, die Kneissl hieß, genauer: Kommerzialrat Franz Kneissl. Mit ihm und Betreuer Egon Schöpf („A Narrischer!“) ging der kaufmännische Lehrling später durch dick und dünn, durch Höhen und Tiefen, durch skurrile Versuche, Pioniertaten, güldene Heldensagen und olympische Dramen in vier Akten, die sich dramaturgisch wie in einer Spirale zuspitzten bis zum bitteren, unausweichlichen Ende.

 

Lüge der Amateure

Wer Schranz sagt, assoziiert es vor allem mit Sapporo 1972, dem Ausschluss von Olympia als Bauernopfer der Amateurlüge, einer Götterdämmerung und der triumphalen Heimkehr in Wien, wo der Skikönig ohne Krone wie ein Märtyrer empfangen wurde, der sein Sportleben beim Aufstand gegen IOC-Präsident Avery Brundage gelassen hatte. Der im Stolz verletzte Österreicher stellte sich auf die Füße und setzte sich in Trab, wie es das nie zuvor und danach in der Nachkriegszeit gab. „Ich hätte es nie gedacht“, sagt Karl Schranz stolz. „Ich wollte abends heim nach Anton, aber da waren 20.000 Menschen am Flughafen. Ein Menschenspalier begleitete mich durch ganz Wien und Zehntausende warteten am Ballhausplatz, wo mich Bruno Kreisky und Fred Sinowatz zur Audienz gebeten haben.“ Wirklich los brach der Sturm erst, begleitet vom Volkszorn gegen das Internationale Olympische Komitee, als Schranz auf dem Balkon stand, um der unübersehbaren Menge, gut 100.000, zuzuwinken.


Er erlebte es wie in Trance, „da ist eins ins andere verschwommen“. Ausländische Kommentatoren erschauderten ob der Bilder. Manche hörten gar schon Gras wachsen, aber das Echo verhallte schneller, als viele dachten. Wie das Versprechen einer postolympischen Schranz-WM in Pra Loup, das FIS-Chef Marc Hodler gegeben hatte. „Daran habe ich nie glaubt, nur eine Beruhigungspille und vollkommen unrealistisch in so kurzer Zeit.“

Des schlechten Gewissens entledigte sich Hodler fast 30 Jahre danach, als er beitrug, dass St. Anton und sein größter Skisohn den Zuschlag für die Alpin-WM 2001 erhielten. Das war auch für Karl Goldes wert, „weil es leichter ist, eine WM zu gewinnen, als eine WM zu kriegen“. Bei Weltmeisterschaften, bei Klassikern und im Weltcup war er ein verwöhnter Glückspilz. Olympia verhöhnte den Pechvogel, verfluchte und verjagte ihn als Stiefkind.
Heute, sagt Karl Schranz, „war Grenoble 1968 aber viel schlimmer als Sapporo. Da habe ich nur zwei Trainingsbestzeiten gehabt, dort haben sie mir Gold g'stohlen – ein Komplott. Franz Hoppichler, unser Rennsportleiter, hat g'weint vor so viel Ungerechtigkeit!“ Zur Erinnerung für Jüngere der Spielfilm des Dramas im Nebelslalom: Als Schranz den ersten Lauf fuhr, kreuzte ein schemenhafter Streckenposten den Kurs, die Jury gab dem Protest statt. Er durfte nochmals starten, hatte Gesamtbestzeit, stand schon ganz oben auf dem Podest, Gold um den Hals, Blumen in der Hand, Fotos gingen um die Welt, ehe für ihn und Rot-Weiß-Rot die Skiwelt einstürzte: Disqualifikation! Das mit dem Posten wäre Ausrede für den Torfehler gewesen, eine Dolchstoßlegende, mehr nicht – Sieg und drittes Gold gewann Jean Claude Killy, sein Erzrivale.

 

Eine Bombendrohung!

Noch heute echauffiert sich Karl Schranz: „Vier Trainer sind dort g'standen – keinen haben sie gefragt, wie es wirklich war!“ Die hitzigen TV-Stammtisch-Diskussionen mit Weltcup-Gründer Serge Lang, die folgten, sind ebenso legendär wie die Story vom Auftritt, den Killy und Schranz in einem französischen Studio haben sollten. Der aber wurde abgesagt – wegen einer Bombendrohung. Was Killy spontan so quittierte: „Überall, wo Schranz auftaucht, gibt es Wirbel!“ Sieger oder Opfer, Held oder Buhmann, Trendsetter oder Revoluzzer. Schicksalhaft, gesetzmäßig. Karl Schranz ließ keinen kalt.


Er war jüngster Kandahar-Sieger aller Zeiten, damals so wertvoll wie eine kleine WM. Erst zu krank, dann zu jung („Bua, deine Zeit kommt noch“) für die Heim-WM 1958 in Gastein, wo er, auch legendär, als Vorläufer schneller war als Weltmeister Josl Rieder. Vor Olympia 1960 fast von einer Slalomstange durchbohrt in Kitzbühel, mit kaum vernarbtem Unterleib bei den ersten Spielen Opfer des Materials: „Wir hatten gegen französische Metallski keine Chance.“

Er war Wegbereiter des Kunststoffskis als Doppelweltmeister 1962 in Chamonix. Bei Olympia 1964 in Innsbruck war er von Fieber („Folge eines Lungentests, ich lag verschwitzt zu lang im kalten Zelt“) so geschwächt, dass es nur bei einem Silberstreif blieb (RTL). „Obwohl mir vorm Start der Fangriemen g'rissen ist. Ochoa hat mir einen geborgt. Ich habe mir den Daumen beim Zumachen so aufgerissen, dass der Handschuh voll Blut war.“ Schranz war erster, nur inoffizieller Weltcupsieger, weil das neue Rennformat (1965/66) zunächst Europacup hieß. Er war zweifacher und Österreichs letzter Weltcupsieger vor Hermann Maier in den Jahren 1968/69 und Weltmeister 1970 in Gröden (RTL). Natürlich ist er auch der Erfinder der Schranz-Hocke im Zielschuss, um Hundertstel zu gewinnen.

Karl Schranz dominierte auf dem Lauberhorn, er gewann dort fünfmal und viermal auf der Streif mit einem „Doppelpack“ 1972. In Kitzbühel war er auch über Avery Brundage hergezogen. Es waren die Vorboten der Götterdämmerung, ohne zu glauben, dass sie tatsächlich kommen könnte, „schließlich habe ich heute noch den Brief, auf dem alle unterschrieben haben, dass sie nicht starten, wenn einer ausgeschlossen wird“. Makulatur wie die bombastischen Worte des ÖOC-Chefs Heinz Pruckner in Japan: „Wir werden um ihn kämpfen – bis zur letzten Patrone.“ Der Schuss ging, wie die Geschichte lehrt, nach hinten los.

 

Freund von Wladimir Putin

Er killte die grandiose Skikarriere, Ruf und Renommee der Ikone aber lebten erst recht auf. Aus Karl Schranz wurde die Allzeitgröße, bei der sich der neue olympische Zeitgeist in Gestalt von IOC-Boss Juan-Antonio Samaranch in Form einer olympischen Medaille für alles, was er erlebt und erlitten hatte, entschuldigte. Und die inzwischen, vermittelt von Leonid Tiagatschew, einst Skitrainer, jetzt NOK-Chef und Senator, in Russlands Regierungschef Wladimir Putin einen Freund gewann, mit dem er nicht nur auf Pisten wedelt.

Schranz hatte Putin, kritisch beäugt von Salzburg, auch beraten, wie man Olympier für sich und so die Spiele von Sotschi 2014 gewinnt. Karl Schranz hat seine Lektion gelernt. Wo Schranz draufsteht, ist eine Legende drin. Eine strahlende Lichtgestalt, mit all ihren Schattenseiten.

ZUR PERSON

Karl Schranz
Geboren am 18. November 1938 in St. Anton am Arlberg.
Wohnorte: St. Anton, Wien

Familienstand: Der Hotelier ist seit 1981 mit Evelyn verheiratet, die beiden haben drei Töchter: Anna (25), Christiane (23), Kathi (19).

Erfolge als Skifahrer: 11 Weltcupsiege (8 Abfahrt/3 RTL - Quelle FIS), 2 Weltcup-Gesamtsiege 1969 und 1970. Weltcup-Disziplinensieger: 2 Mal Abfahrt (1969 und 1970), 1 Mal RTL (1969)

Dreimal Weltmeister, 6 WM-Medaillen: Gold 1970 in Gröden (RTL) und 1962 in Chamonix (Abfahrt, Kombi); Silber 1962 Chamonix (RTL), 1964 Innsbruck (RTL), Bronze 1966 Portillo (RTL)

Olympia: Silber 1964 in Innsbruck (RTL/Auch WM-Silber)

Insgesamt an die 100 Rennsiege. Je vier Siege am Hahnenkamm und am Lauberhorn. Fünffacher Sieger der Arlberg-Kandahar-Kombination.

Sonstiges: Sportler des Jahres in Österreich (1959, 62, 70)
1998 Großes Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik
2001 Generalsekretär der Alpin-WM und Ehrenbürger in St. Anton

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.11.2008)

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