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Wimbledon: Mammutaufgaben des Rasenflüsterers

01.07.2012 | 18:07 |  FELIX LILL (Die Presse)

Trotz Belastung durch die Tennisstars müssen alle Plätze zwei Wochen nach dem Grand Slam für Olympia wie neu aussehen. Für die Platzwarte die Aufgabe ihres Lebens.

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„Nein, nein“, entgegnet der Mann im anthrazitgrauen Anzug trocken, als er seine Arme entspannt auf der Rückenlehne einer Bank ausbreitet. Während er spricht, blickt er von einer Terrasse auf die Courts Nummer 14, 15 und 16. Dass diese Rasen binnen weniger Tage zertrampelt sind, nach all der Arbeit, störe ihn kaum. „Das ist ja unser Job. Stellen Sie sich vor, da würde sich nichts abnutzen. Dann wären wir doch nutzlos.“ Aber, schiebt er nach, man versuche natürlich, die Plätze maximal zu schonen. Neil Stubley fährt sich durch sein grau meliertes Haar und harrt einen Moment aus. Er scheint die Fragen zu genießen.

Der 43-jährige Brite ist einer der wichtigsten Männer in Wimbledon. Als „Head Groundsman“ ist er dafür zuständig, dass die 19 Plätze der berühmtesten Tennisanlage der Welt immer bespielbar sind, wenn es darauf ankommt. Das erfordert Beharrlichkeit, exakte Analysen und Planungen, aber auch schnelle Handlungsfähigkeit. Gerade in diesem Jahr, wenn hier neben Wimbledon noch die Olympischen Spiele ausgetragen werden, müssen Stubley und seine Mitarbeiter besonders viel leisten.

„Die Plätze müssen normalerweise über 13 Tage und mehrere Stunden täglicher Belastung ohne Unebenheiten bleiben“, resümiert Stubley kühl seine Verantwortung. Es klingt, als wäre es die gleiche Arbeit, alle Jahre wieder. Aber so einfach sei das nicht. „Du weißt ja zum Beispiel nie genau, wann der Regen kommt, und wie viele Tropfen dem ersten folgen werden.“ In Sekundenschnelle müsse man dann entscheiden. „Wird das Spiel unterbrochen?“, fragt er hypothetisch und fuchtelt mit den Händen. Dann werden Planen ausgerollt, binnen maximal 28 Sekunden, ehe der Rasen unterhalb der Schutzschicht behandelt werden kann.

 

Der König der Platzwarte

Der Job als Platzwart von Wimbledon ist die Krönung in der Karriere eines Greenkeepers. Während der kritischen Phase, die jährlich im März beginnt, arbeiten 28 Angestellte an den Plätzen. Stubley selbst ist jeden Morgen ab sechs Uhr vor Ort, um erste Proben zu nehmen. Regelmäßig werden Dichte, Härte und Feuchtigkeit der Rasen mit in den Untergrund eingeführten Detektoren analysiert. Stimmen die Werte nicht, muss etwas geändert werden. Neil Stubley macht diesen Job seit 18 Jahren.

„1995 haben wir viel überarbeitet“, erinnert sich der bis zur Unnahbarkeit akkurate Brite und schaut wieder runter zu den Plätzen. „Damals bestand unser Rasen auf dem Centre Court zu 70 Prozent aus Weidelgras und zu 30 Prozent aus Rot-Schwingel. Auf Nebenplätzen hatten wir teilweise nur Weidelgras, und da gab es kaum Abnutzung. Daraufhin haben wir dann über die Jahre auch auf den anderen Plätzen umgestellt.“ Zu schnell könne so ein Prozess aber nicht gehen. Die Innovationen müssen über Jahre getestet und schließlich von Tennisspielern erprobt werden. Zudem wird im „All England Lawn Tennis and Croquet Club“, mit Ausnahme der zwei größten Plätze, das ganze Jahr über gespielt. Und nach einem großen Wettbewerb sollen zumindest die Nebenplätze binnen 36 Stunden wieder für Klubmitglieder bespielbar sein. Viel Zeit für Experimente bleibt da nicht.

 

Hauptsache grün

In diesem Jahr ist das „greenkeeping“ besonders schwierig. Nach Wimbledon müssen die Felder binnen zwei Wochen für die Olympischen Spiele wieder wie neu aussehen. „Das ist schon eine Herausforderung“, zischt Stubley und wirkt kurz skeptisch. „Aber ich mache mir eigentlich keine großen Sorgen. Wir haben eine neue Rasenmischung entwickelt und zwei Jahre lang getestet. Damit müsste alles klappen.“ Oberstes Ziel: Der auf acht Millimeter getrimmte Rasen muss grün aussehen. „Wenn wir das schaffen, bin ich schon glücklich.“ Für einen Moment lächelt der ernste Greenkeeper.

Im Privatleben ist Stubley kein Tennisliebhaber. Nach Wimbledon ist der ausgebildete „Sports Turf Manager“, auf Deutsch „Sportuntergrundverwalter“, als Rasenexperte gekommen. Sportlich begeistert er sich eher für den Fußballklub Arsenal London. Stubleys Grund für seine Leidenschaft: „Das Emirates Stadium hat einfach einen sehr guten Rasenplatz.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.07.2012)

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