London. „Es ist großartig, wieder zurück zu sein. Ich war ja ein paar Jahre nicht mehr da“, lächelte Roger Federer. Gerade hatte er den Russen Mikhail Youzhny locker mit 6:1, 6:2, 6:1 im Viertelfinale von Wimbledon geschlagen. Nach dem Match wirkte Federer gelassen. Wie einer, der nach einer langen Zeit heimkehrt und alles im erwarteten Zustand vorfindet. „Normalerweise spiele ich ja meine stärksten Partien, sobald ich in den letzten Runden eines Turniers angekommen bin“, fügte er hinzu. Aber er wisse schon, dass das kommende Match besonders hart werde.
Am Freitag trifft Federer in seinem ersten Wimbledon-Halbfinale seit 2009 auf Titelverteidiger Novak Djoković. Für den Schweizer steht dabei einiges auf dem Spiel. Neben der siebten Trophäe bei Wimbledon, womit er den Rekord von Pete Sampras und William Renshaw einstellen würde, brächte ihn ein eventueller Turniersieg auch erstmals seit Mai 2010 wieder an die Spitze der Weltrangliste. Es wäre die Rückkehr eines fast schon Totgesagten, der schließlich seine 286. Woche als Weltranglistenerster begehen könnte. Auch hier würde er mit dem bisherigen Rekordhalter Pete Sampras gleichziehen.
Ein Favorit ist kaum auszumachen. 26-mal sind Federer und Djoković bisher aufeinandergetroffen, 14 Partien hat der Schweizer gewonnen. Von den letzten acht gewann er aber nur einmal. Zuletzt siegte Djoković im Halbfinale von Roland Garros. Auch im bisherigen Wimbledon-Turnier hat Djoković überzeugend gespielt. Auf dem Weg ins Halbfinale hat der Serbe erst einen Satz abgegeben. Allerdings hat keine der bisherigen Begegnungen zwischen Federer und Djoković auf Rasen stattgefunden, dem bevorzugten Belag des Schweizers. Noch immer kann kein aktiver Spieler eine derart starke Rasenbilanz aufweisen wie er.
„Endlich wieder bis ins Halbfinale zu kommen bedeutet für mich schon, ein gutes Turnier gespielt zu haben“, versuchte Federer den Druck von sich zu nehmen. In der Tat würde ihm eine Niederlage wohl kaum jemand übel nehmen. In den Augen mehrerer Experten galt der 30-Jährige im vergangenen Jahr schon beinahe als Auslaufmodell, weil er begonnen hatte, mehr Zeit mit der Familie zu verbringen, und nicht mehr so viele Turniere gewann wie früher. Zudem schloss er 2011 erstmals seit acht Jahren seine Saison nicht zumindest als Zweiter der Welt ab. Aber mittlerweile hat sich Roger Federer wieder nach oben gearbeitet. Mit vier Turniersiegen bisher hat er eine erfolgreiche erste Saisonhälfte hinter sich. Und am Sonntag könnte der derzeit Dritte der Welt wieder die Nummer eins sein.
„Das mit den Rankings ist für mich überhaupt kein Thema“, blockte Novak Djoković gegenüber der „Presse“ ab: „Ich fühle mich gut auf dem Court und konzentriere mich immer nur auf das nächste Turnier. Die Rankings richten sich sowieso an den Ergebnissen auf dem Platz.“ Sollte Djoković heute gewinnen, hätte er am Sonntag gegen Jo-Wilfried Tsonga oder Andy Murray die erste Wimbledon-Titelverteidigung seit 2007 in der Hand. Sowohl für Federer als auch für Djoković ist aber Wimbledon auch eine Art Vorbereitung für Olympia.
Novak Djoković, der 2008 in Peking Bronze gewann, wird bei der olympischen Eröffnungsfeier am 27. Juli die serbische Flagge tragen. Er hat zwar angekündigt, ein Sieg bei Wimbledon sei ihm im Zweifel wichtiger. Aber olympisches Gold ist einer der großen Titeln, die ihm noch fehlen. Ähnlich ist die Situation für Roger Federer. Nur im Doppel konnte er bisher eine Goldmedaille gewinnen. Auf den Courts von Wimbledon dieses Jahr die Olympischen Spiele im Einzel zu gewinnen, kündigte er an, „wäre das Unglaublichste von allem“. Trotz Rückeroberung der Weltranglistenführung wäre ein Triumph diese Woche dann nur eine Art Etappensieg.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.07.2012)
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