London. „Ich bin schon sehr gespannt, wie das wird“, sagte Agnieszka Radwańska nach ihrem Halbfinalerfolg etwas verlegen. Am Samstag steht die Polin im ersten Grand-Slam-Finale ihrer Karriere. Im Fall eines Sieges übernimmt sie die Weltranglistenspitze von Maria Scharapowa. Bei großen Turnieren trat Radwańska bisher selten in Erscheinung, ihre größte Stärke ist die Konstanz. Bei acht von 14 Turnieren 2012 erreichte sie zumindest das Halbfinale.
Dagegen hat Radwańskas heutige Gegnerin, Serena Williams, eine auf den ersten Blick viel eindrucksvollere Bilanz vorzuweisen. Insgesamt 13 Grand-Slam-Siege hat die US-Amerikanerin bisher errungen. Auf dem Weg ins Wimbledon-Finale schlug sie in sechs Partien 85 Asse, fast doppelt so viele wie die drei anderen Halbfinalistinnen zusammen. Gegen Radwańska hat Williams bisher zweimal gespielt, und dabei nicht einen Satz verloren.
Die Großmacht aus dem Osten
Sollte Williams ihrer Favoritenrolle gerecht werden, freut sich mit der US-Amerikanerin auch eine Weißrussin. Statt Radwańska würde Halbfinalistin Wiktoria Asarenka die Nummer-eins-Position übernehmen. Die Weltranglistenführung wird sich nach Wimbledon definitiv zum neunten Mal innerhalb der letzten drei Jahren ändern. Während die Leistungsdichte an der Spitze hoch ist, ist die geografische Verteilung der Weltbesten konzentriert. Petra Kvitová, die aktuelle Nummer vier, kommt etwa aus Tschechien. Unter den Top 20 befinden sich derzeit zehn Spielerinnen mit osteuropäischer Nationalität. Zeitungen wie „The Economist“ und das „Wall Street Journal“, berichten schon von einer „östlichen Invasion“.
In der ehemaligen Sowjetunion wird ein wichtiger Grund für den Aufstieg des Tennis häufig in den Spielen von 1984 in Los Angeles gesehen. Tennis wurde nach 60 Jahren wieder olympisch, der Sport erhielt folglich starke Förderungen. Im Damentennis folgten Spielerinnen wie Natallja Swerawa, in den Neunzigerjahren sorgte Anna Kournikova für Schlagzeilen.
Die bisher erfolgreichste Generation, geboren um die Zeit, als die Sowjetunion zusammenbrach, ist jetzt im besten Alter. Radwańska, Asarenka, Scharapowa und Kvitová zählen bei jedem Turnier zu den Top-Favoritinnen. Und werden dies auch noch in den nächsten Jahren tun. Die Popularität des Tennis in der Heimat ist ungebrochen, in Polen könnte Radwańska zur Nationalheldin werden. Sie ist erst die zweite polnische Grand-Slam-Finalistin nach Jadwiga Jędrzejowska, die in den Dreißigerjahren drei Finalspiele verloren hat.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.07.2012)
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