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Serena Williams und ihre lange Reise zurück ins Glück

08.07.2012 | 18:05 |   (Die Presse)

Nach dem Titelgewinn 2010 musste die 30-Jährige sportliche und körperliche Tiefschläge hinnehmen. Zwei Jahre später ist sie zurück.

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Serena Williams gibt sich gerne als coole Powerfrau. Nach ihrem fünften Wimbledon-Titel im Einzel offenbarte die 30-Jährige aber ihre emotionale, verletzliche Seite. Sie lag zunächst überwältigt auf dem heiligen Rasen. Dann kletterte sie nach dem Sieg in ihre Spielerbox, umarmte Vater Richard und weinte in den Armen ihrer Mutter Oracene und ihrer Schwester Venus.

Ihr 14. Grand-Slam-Turniersieg war schließlich kein x-beliebiger. Es war ihr Comeback-Triumph nach einer unglaublichen Reise, nach zwei Seuchenjahren mit zwei Fußoperationen und einem lebensbedrohlichen Blutgerinnsel in der Lunge im Frühjahr 2011. „Dieser Titel ist etwas ganz Besonderes für mich. Wenn es einem so schlecht geht, träumt man nicht einmal mehr davon. Ich steckte im tiefsten aller Tiefs“, erinnerte Williams an jene Zeit, als sie nach der kaum enden wollenden Pechsträhne deprimiert zwei Tage lang nicht mehr von ihrer Couch aufgestanden war.

 

„Ich bin wieder da“

Doch statt aufzugeben, kämpfte sich die frühere Weltranglistenerste zurück und wurde am Samstag mit dem Finalsieg – 6:1, 5:7, 6:2 – gegen die Polin Agnieszka Radwańska dafür belohnt. „Oh Gott, ich kann es gar nicht beschreiben. Ich bin wieder da und ich bin so glücklich“, sagte Williams, die bei den French Open noch blamabel in der ersten Runde gescheitert war, stolz mit dem berühmten Silberteller für die Wimbledon-Siegerin im Arm. Wenige Stunden später holte sie dann an der Seite ihrer älteren Schwester Venus, die an einer ermüdenden Autoimmunkrankheit leidet und auch schwere Zeiten hinter sich hat, sogar noch ihren fünften Wimbledon-Titel im Doppel. Gegen die Tschechinnen Andrea Hlaváčková und Lucie Hradecká siegten sie 7:5, 6:4. Kurz vor Mitternacht war für Serena Williams also auch der 13. Grand-Slam-Titel ihrer Karriere im Doppel perfekt.

 

„Einschüchternd und menschlich“

Tennislegende und BBC-Experte John McEnroe zollte der Kalifornierin Respekt, die vor den US Open 2011 noch auf Weltranglistenplatz 172 war und ab Montag wieder auf Rang vier im WTA-Ranking steht. „Sie ist eine der größten Athletinnen dieses Sports. Sie ist so einschüchternd, aber jetzt zeigt sie auch eine menschliche Seite.“ Einschüchternd war vor allem, wie Williams im Turnierverlauf sensationelle 102 Asse schlug – mehr als jeder Herrenspieler bis zum Endspiel am Sonntag. „Sie hat noch nie in ihrer Karriere so gut aufgeschlagen wie in diesem Turnier“, zollte ihr auch Wimbledon-Rekordsiegerin Martina Navratilova Respekt. Immer beeindruckender wird auch Williams' Tennis-Lebenswerk: Mit ihren 14 Siegen bei den vier Majors zog sie mit ihrem US-Landsmann Pete Sampras gleich und fand das ziemlich cool: „Oh, wow! Ich bin besessen von Pete – mein Hund heißt Jacky Pete – benannt nach ihm.“

In der Frauenbestenliste der Profiära liegt sie auf Platz vier hinter Steffi Graf (22 Titel), Chris Evert (USA/18) und Navratilova (USA/18). Dass Williams die erste Grand-Slam-Turniersiegerin über 30 seit Navratilovas Wimbledon-Sieg 1990 (mit 33) ist, war ihr dagegen herzlich egal. „Mental bin ich 12, 13“, witzelte Williams, die am 26. September 31 Jahre alt wird.

Da war sie auf einmal wieder: die kindliche Tennis-Entertainerin Serena Williams. Ebenso, als sie darüber sprach, dass sie mit fünf Wimbledon-Erfolgen ja nun ihre ältere Schwester Venus eingeholt habe: „Ich wollte schon immer alles haben, was Venus hat.“

Von solch großen Erfolgen ist Finalistin Agnieszka Radwańska noch weit entfernt. In London kämpfte sie sich erstmals in das Endspiel eines Grand-Slam-Turniers. In diesem schien sie von Williams zunächst regelrecht vorgeführt zu werden, ehe sie in Satz zwei ihren Spielrhythmus fand. Die Polin rettete sich in einen dritten Durchgang, in dem Williams die deutlich bessere Akteurin war.

Die 23-Jährige konnte ihre Enttäuschung nicht verbergen, war mit dem Erreichten aber dennoch zufrieden. „Das war eine der schönsten Wochen in meinem Leben“, sagte sie nach dem Match, das sie im Falle eines Sieges sogar an die Spitze der Weltrangliste gespült hätte. Von dieser lacht weiterhin die Weißrussin Wiktoryja Asarenka, die sich in den kommenden Wochen und Monaten aber mit großer Konkurrenz konfrontiert sieht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.07.2012)

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