London/Wien. Andy Murray war nicht alleine auf der ehrwürdigen Anlage des All England Lawn Tennis and Croquet Club. 15000 Fans leisteten dem Schotten auf dem Center Court Beistand. Ebenso viele versammelten sich rund um den größten Platz der Anlage. Alle wollten sie Murray unterstützen, ihren Teil dazu beitragen, dass an diesem Sonntag Tennisgeschichte geschrieben wird. Seit 1936 wartet und leidet der britische Tennisfan, wenn er nach Wimbledon kommt.
Fred Perry war der letzte Lokalmatador, der das prestigeträchtigste Turnier der Welt gewinnen konnte. Seit einigen Jahren stellt Murray die personifizierte Hoffnung auf Erfolg dar. Der 25-Jährige ist mit Talent gesegnet, nur Rafael Nadal beherrscht die Kunst der Defensive besser. Dass er sich auf Rasen besonders wohl fühlt, ist für einen Briten selbstverständlich. Wimbledon hat schon viele Helden geboren – und scheitern gesehen. Murray wollte unbedingt der Spezies der gefeierten Helden angehören. In den vergangenen drei Jahren bewies der Liebling der Massen Konstanz, aber noch nicht die Qualität eines Champions. Drei Mal drang er bis ins Halbfinale vor, der Einzug ins Endspiel blieb ihm bis 2012 verwehrt.
Dieses Mal war alles angerichtet. Gegen Roger Federer, den für viele besten Tennisspieler aller Zeiten, bot sich Murray eine vielleicht einmalige Chance. „Ich kann ihn schlagen“, war sich der Local Hero im Vorfeld des Duells sicher. Mit dem auf ihn lastenden Druck hatte sich der Weltranglisten-Vierte schon vor der größtmöglichen Bewährungsprobe abgefunden. Während der beiden Turnierwochen las Murray keine Zeitungen, surfte im Internet nicht nach Artikeln, die mit Wimbledon zu tun haben. Alles andere würde ihn wahnsinnig machen und ihn den Fokus auf das Wesentliche verlieren lassen. „Es gibt keinen Spieler in der Geschichte dieses Sports, der bei einem Turnier je mehr Druck verspürt hat als Murray in Wimbledon“, bemerkte die US-amerikanische Legende John McEnroe.
VIDEO: Federer gewinnt Wimbledon
Das Leiden nimmt kein Ende
Als Federer den ersten Ballwechsel mit dem Aufschlag einleitete, schien Murray seine gesamte Umgebung samt den schier endlos hohen Erwartungen auszublenden. Der Schützling von Ivan Lendl startete phänomenal in dieses Match, breakte den Schweizer gleich zu Beginn. Die Reaktion des Publikums ließ nur erahnen, welche Stimmung hier herrschen würde, sollte Murray nicht nur ein Game, sondern das ganze Spiel gewinnen.
Der Brite ließ sich in der Anfangsphase keine Nervosität anmerken, dabei wäre diese in seinem ersten Wimbledon-Endspiel für alle nachvollziehbar gewesen. Satz eins ließ Federer nachdenklich wirken, Murray gewann ihn mit 6:4. Die ältesten Semester erinnerten sich zu diesem Zeitpunkt vielleicht tatsächlich an 1936 zurück. Davon, die Leidenszeit zu beenden, war der Brite aber immer noch zwei Gewinnsätze entfernt.
Federer hätte sich sämtliche Superlative nicht über Jahre verdient, hätte er nicht die richtige Antwort parat gehabt. Der 30-Jährige steigerte sich mit der Aufgabe, gewann die Sätze zwei und drei mit 7:5 und 6:3. Ein Break in Satz drei besiegelte Murrays Schicksal. Um 18:13 Uhr Ortszeit sank Federer zu Boden und sein Kontrahent in sich zusammen. „Du hast es dir verdient“, blieb Murray auch in der Stunde der Niederlage Weltklasse. Federer spendete Trost. „Ich bin mir sicher, irgendwann wirst auch du ein Grand-Slam-Turnier gewinnen.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 9.7.2012)


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