Wien. Auch Österreichs Tennisasse konnten die totale Blamage bei den Olympischen Spielen in London nicht abwenden. Jürgen Melzer scheiterte wie Tamira Paszek schon in der ersten Einzelrunde. Im Doppel vergaben Melzer und Alexander Peya eine realistische Medaillenchance frühzeitig in Runde zwei. „Wir hatten uns alle mehr erhofft“, sagt Ronald Leitgeb Donnerstagvormittag auf einer Pressekonferenz im Wiener Novomatic-Forum.
Nach London ist vor Rio
Der Präsident des Österreichischen Tennisverbandes wirkt nachdenklich und zugleich ambitioniert. London 2012 hat aber nicht nur auf das Gemüt gedrückt, die sportliche Niederlage setzt auch Impulse frei. „Wir wollen nicht erst 2016 auf die Weltranglisten schauen, um zu erkennen, welche unserer Spieler bei Olympia dabei sind und welche nicht“, denkt Leitgeb an die Zukunft. Das Credo lautet Nachhaltigkeit. „ÖTV goes Rio 2016“ nennt sich das Konzept, das die Erfolge von morgen gewährleisten soll. Im Herbst will Sportdirektor Clemens Trimmel jene zehn bis zwölf Spieler mit der besten Perspektive für das neuartige Projekt nominieren.
Darunter werden sich Österreichs größte Nachwuchstalente, Dominic Thiem und Barbara Haas, genauso wie der aktuelle Daviscup-Spieler Andreas Haider-Maurer finden. „Aber der Kader wird mit der Bekanntgabe noch nicht in Stein gemeißelt sein“, erklärt Trimmel. Neuaufnahmen beziehungsweise Entlassungen sind durchaus vorstellbar, abhängig von der jeweiligen Leistungsentwicklung. Der exklusive Spielerkreis wird bis Rio 2016 konsequent begleitet und vorbereitet. Leitgebs Ansatz: „Olympia soll nicht erst sechs Wochen vor den Spielen im Kopf beginnen, wir wollen die Sportler langsam hinführen.“
Gießkanne nur für Blumentöpfe
Die Athleten werden in Technik und Taktik geschult. International anerkannte Trainer sollen in Workshops neue Ansätze vermitteln. Auch im mentalen Bereich werden Damen und Herren durch Sportpsychologen gefordert und gefördert. Im Optimalfall entsteht unter den Spielern ein Wettkampf um die Startplätze für Rio, denn: Wer größere Fortschritte nachweist respektive bessere Leistungen erbringt, kommt in den Genuss einer höheren Subvention.
Verteilt wird das Geld – der Verband investiert pro Jahr 50.000 bis 100.000 Euro in das Projekt – nach einem festgelegten Schlüssel. Für das Erreichen der vordefinierten Ziele, zu denen die Steigerungen in Technik, Physis und Psyche sowie in der Weltrangliste zählen, bekommt der Spieler Punkte und letztlich Geld. Bei der Olympia-Qualifikation wird auch ein Bonus fällig. Leitgeb: „Private Sponsoren und die öffentliche Hand sind aufgerufen, uns zu unterstützen.“ Den Vorwurf, das von Sportminister Norbert Darabos verurteilte Gießkannenprinzip im kleineren Ausmaß anzuwenden, schmettert Leitgeb ab. „Mit Blickrichtung Rio wird der Gießkannenstrahl immer kleiner, weil immer weniger Spieler für die Inanspruchnahme der Förderung infrage kommen.“
Mit diesem Projekt ist zwar nicht garantiert, dass Österreicher in Rio groß aufspielen werden. Aber zumindest hat der ÖTV als erster Verband auf die herbe Enttäuschung von London reagiert.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.08.2012)
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