21.05.2013 21:02 Merkliste 0

Rafael Nadal: Wenn der Körper nicht mehr mitspielt

01.09.2012 | 18:16 |  von CHRISTOPH GASTINGER (Die Presse)

Tennisspieler Rafael Nadal begeistert mit seinem kraftvollen Spiel Millionen von Fans. Aus demselben Grund ist der 26-Jährige ausgebrannt. Sogar das Karriereende droht.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Sein Lachen wirkt immer noch ansteckend, er hat es nicht verloren. In regelmäßigen Abständen teilte Rafael Nadal in den vergangenen Wochen via Facebook Schnappschüsse mit dem Rest der Welt. Einmal sieht man den Spanier gut gelaunt beim Frühstücken im Garten, ein anderes Bild zeigt ihn im Kreis seiner Liebsten auf einer kleinen Jacht in Mallorca. Den größten Zuspruch in Form tausender „Gefällt mir“-Klicks erhält Nadal aber für eine Aufnahme aus der Kraftkammer. Über elf Millionen Facebook-Fans schöpfen daraus Hoffnung, dass er bald wieder auf die Tennis-Tour zurückkehren wird.

Seit über zwei Monaten ist „Rafa“, wie er von Bewunderern und Freunden gerufen wird, außer Gefecht. Sein Körper streikt. Wieder einmal. Das linke Knie verweigert den Dienst. Nadal leidet unter dem Hoffa-Kastert-Syndrom, das weiß man seit zwei Wochen. Eine Schwellung des Fettgewebes, das sich im Knie unterhalb der Patellasehne befindet, verursacht Schmerzen. Nadal ist solche gewohnt, er lebt schon lange damit, aber diesmal sind sie zu groß. Bei Drehbewegungen und beim Beugen werden sie akut. Ende Juni hatte der 26-Jährige in Wimbledon seinen bislang letzten Auftritt. Danach musste er sämtliche Turnierstarts absagen, darunter auch jene bei den Olympischen Spielen in London und den US Open in New York.

Raubbau am eigenen Körper. Während Nadal seine Rückkehr im Rahmen des Daviscup-Halbfinales Mitte September nicht ausschließen will, wird anderorts über ein nahendes Karriereende des Kraftpakets spekuliert. Die Sorgen um seine Person sind größer denn je.

Nadal plagt sich seit Jahren mit immer wiederkehrenden Verletzungen, die Kniegelenke gelten als Achillesferse. Nadals physische Probleme sind hausgemacht. Die ehemalige Nummer eins der Welt geht seit Kindertagen an seine Grenzen und oftmals darüber hinaus. Verletzungspausen hatte er so viele wie Turniersiege. Dass sein Körper aber in immer kürzer werdenden Abständen nach Erholung lechzt, wirkt nicht nur auf ihn alarmierend.

„So, wie er spielt, betreibt er Raubbau am eigenen Körper“, hatte Jürgen Melzer vor drei Monaten gegenüber der „Presse“ gesagt und die Theorie verstärkt. „Um Spiele zu gewinnen, steht er meist sehr lange auf dem Platz. Dazu macht er unglaublich viele Meter, wenn er seine Rückhand umläuft.“

Tatsächlich gibt es niemanden mit einem derart großen Bewegungsradius wie Nadal. Für ihn entstehen außergewöhnliche Laufwege bei ungleich höherer Belastung. Nadal definiert sein Spiel wie kein Zweiter über die körperliche Präsenz. Zahlen belegen dies. In 84 Matches im Jahr 2011 stand Nadal im Schnitt knapp über zwei Stunden auf dem Platz. Rasche Siege mit geringem Aufwand kennt der Linkshänder nur von seiner geliebten Playstation. Verglichen mit Dauerrivalen Roger Federer setzte er seinem Körper über das Jahr gerechnet in Matches 40 Stunden länger höchsten Strapazen aus. Dem nicht genug, gilt Nadal auch als verbissener Trainierer, der sich selbst bei kräftezehrenden Übungseinheiten unter der brennenden spanischen Sonne verausgabt.

Horrorszenario. Reinhard Weinstabl, ÖTV-Verbandsarzt und Spezialist für Sporttraumatologie, befürchtet im Fall Nadal Schlimmstes. „Wenn die Diagnose stimmt, halte ich seine Karriere für signifikant gefährdet.“ Überlastungssyndrome sind oft der Anfang vom Ende. „Manche Sportler können dadurch nicht einmal mehr laufen. Da ist von Tennis auf höchstem Niveau noch gar keine Rede.“ Experten raten Nadal dazu, sein Spiel zu ökonomisieren. Die Spielmuster des Mallorquiners sind jedoch seit Jahren fest gefahren, Schläge und Bewegungsabläufe müssten dafür neu erlernt werden. „Wenn er seinen Stil ändern könnte, hätte er es wahrscheinlich schon gemacht“, glaubt Weinstabl.

Tennis wirkt wie Gift auf Gelenke. Der Untergrund Sand gilt gemeinhin als schonender. Ärzte raten Nadal dazu, der gelben Filzkugel nur noch auf der roten Asche hinterherzujagen, stumpfe Hartplätze zu meiden. Die Lösung des Dilemmas wäre dies nicht. Weinstabl: „Dadurch dramatische Verbesserungen zu erwarten ist völlig falsch. Wenn man Probleme hat, hat man sie auf Hartplatz genauso wie auf Sand.“ Spielt der Körper nicht mehr mit, bleibt nur noch die Playstation.

Zahlen
5:53

Stunden
dauerte das Endspiel der Australien Open 2012, dass Nadal gegen Novak Djoković verlor. Es war das längste Grand-Slam-Finale aller Zeiten.

222

Sätze
spielte Nadal im Jahr 2011 in 84 Matches.

450

Stunden
stand er dafür etwa auf dem Platz. Das entspricht gut 19 vollen Tagen. Hinzu kommen etliche Trainingseinheiten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.09.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

Mehr auf DiePresse.com