New york/Wien. Sie konnte nicht mehr länger hinsehen. Brooklyn Decker schlug die Hände vor das mit einer breiten Sonnenbrille verdeckte Gesicht, Tränen kullerten unaufhaltsam über die Wangen. Ihr Ehemann, Andy Roddick, kämpfte auf dem Tennisplatz derweil tapfer gegen Zeichen der Rührung. Er atmete tief, blickte in alle Himmelsrichtungen, richtete – wie immer – seine Kappe zurecht.
Ein letztes Mal hallten „Come on, Andy“-Rufe durch das Weit der Arthur-Ashe-Arena, als Juan Martin del Potro zum Matchgewinn servierte. Roddicks finaler Schlag, eine Vorhand, landete deutlich im Aus. Die Fotografen hatten sich längst in Position gebracht. Ein Blitzlichtgewitter ging auf den 30-Jährigen nieder. Die Karriere des Andrew Stephen Roddick war soeben zu Ende gegangen.
Der Sieger überließ die große Bühne artig dem Verlierer, der nach Worten rang. „Zum ersten Mal bin ich mir nicht sicher, was ich sagen soll“, stotterte Roddick, sichtlich gerührt, ins Mikrofon. Er hatte seinen endgültigen Abschied vom Tenniszirkus letzte Woche zwar angekündigt, aber nicht vorbereitet. Roddick, der sich der körperlichen Herausforderung nicht mehr stellen wollte, dankte seinen Fans, der Familie und Freunden.
Dann wollte und konnte auch der sonst so coole US-Boy seine Tränen nicht länger verbergen, winkte ins Publikum und sagte: „Ich liebe euch alle. Danke, auf Wiedersehen.“
Beliebt, und doch kein Darling
Mit Andy Roddick verliert das Tennis einen Charismatiker und Entertainer – jemanden, der den Sport um eine Attraktion reicher gemacht hat, nicht nur auf dem Platz. Bei Pressekonferenzen riet der Mann aus Nebraska Journalisten, sich einen neuen Job zu suchen. Einmal antworte er auf die Frage, wer das gerade gespielte Turnier gewinnen würde: „Definitiv nicht ich.“ Auch seine Parodien auf Boris Becker, Rafael Nadal oder Maria Scharapowa brachten ihm Sympathien. Und doch war der Scharfschütze – Roddick hielt mit 249 km/h lange Zeit den Aufschlagweltrekord – nicht Everybody's Darling. Die Krise im amerikanischen Herrentennis wurde nach den Rücktritten von Pete Sampras und Andre Agassi häufig an seiner Person festgemacht. Für sein Talent, so der Grundtenor, habe er zu wenige Titel geholt. Nach 13 Profi-Jahren wurden es dennoch 32 an der Zahl, darunter der Triumph bei den US Open 2003.
Federers Serie gerissen
New York musste sich wenige Stunden später von einem weiteren großen Namen verabschieden. Roger Federer verlor sein Viertelfinale in vier Sätzen gegen den Tschechen Tomáš Berdych. Eine stolze Serie ging zu Ende, der Schweizer hatte bei den US Open zuletzt vor neun Jahren das Halbfinale verpasst. Federer, der die Weltrangliste weiter anführen wird, sprach danach von einer „großen Enttäuschung“.
Ergebnisse, US Open in New York:
Herren: Achtelfinale: Del Potro (ARG/7) – Roddick (USA/20) 6:7, 7:6, 6:2, 6:4. Djokovic (SRB/2) – Wawrinka (SUI/18) 6:4, 6:1, 3:1 ret. Tipsarevic (SRB/8) – Kohlschreiber (GER/19) 6:3, 7:6, 6:2. Ferrer (ESP/4) – Gasquet (FRA/13) 7:5, 7:6, 6:4.
Viertelfinale: Berdych (CZE/6) – Federer (SUI/1) 7:6, 6:4, 3:6, 6:3. Murray (GBR/3) – Cilic (CRO/12) 3:6, 7:6, 6:2, 6:0. Doppel-Viertelfinale: Knowle/Polasek (AUT/SVK) – Paes/Stepanek (IND/CZE/5) 6:2, 6:4. Damen: Viertelfinale: Asarenka (BLR/1) – Stosur (AUS/7) 6:1, 4:6, 7:6. Scharapowa (RUS/3) – Bartoli (FRA/11) 3:6, 6:3, 6:4. S. Williams (USA/4) – Ivanovic (SRB/12) 6:1, 6:3. Errani (ITA/10) – Vinci (ITA/20) 6:2, 6:4.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.09.2012)
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