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Asarenka: "Die Millionen sind nicht mein Antrieb"

06.10.2012 | 17:53 |  von Christoph Gastinger (Die Presse)

Mit der Weißrussin Viktoria Asarenka beehrt die beste Spielerin der Gegenwart das Generali Ladies Linz. Die "Presse am Sonntag" sprach mit ihr über Partys, Reichtum und die Liebe.

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Viktoria Asarenka hätte am liebsten die ganze Welt umarmt. Aber in diesem einen Moment ihres größten Triumphes konnte sie nur ungläubig den Kopf schütteln. 15.000 frenetische Fans in der Rod Laver Arena in Melbourne halfen ihr dabei, das eben Erreichte schneller zu realisieren. Asarenka hatte soeben das Finale der Australian Open2012 gewonnen und – was ihr mindestens genauso viel Freude bereitete – die Spitze der Weltrangliste erklommen.

Sie war am Ziel ihrer Träume angelangt. „Seit ich denken kann, wollte ich immer nur die beste Tennisspielerin der Welt werden“, schluchzte die Siegerin später in das Mikrofon. Die Zeit war reif, um die Früchte der jahrelangen harten Arbeit zu ernten. In ihrer Kindheit war Asarenka noch eine von vielen. Sie verehrte Steffi Graf, war aber nicht die einzige, die diese Träume verfolgte.

„Als ich mit dem Tennistraining begonnen habe“, erinnert sich die heutige Nummer eins, „war ich eines unter 40 Mädchen.“ Asarenka wird bei den täglichen Übungseinheiten in ihrer Heimat Minsk früh der Konkurrenzgedanke eingeimpft. Ohne Herz und Hingabe, sagt sie, könne man unmöglich erfolgreich sein. „Vika“, wie sie gerufen wird, vereint besonderes Talent mit unbändigem Ehrgeiz. Sie verbessert sich kontinuierlich, investiert ihre gesamte Jugend in den Sport – und bereut es nicht. Keine einzige Sekunde. „Ich habe dafür nie Opfer gebracht, weil ich das, was ich tue, einfach liebe“, versichert Asarenka im Gespräch mit der „Presse am Sonntag“. Ihr Weg führt sie im Alter von 16 Jahren in die USA, nach Scottsdale, Arizona. Die russische NHL-Torhüterlegende Nikolai Chabibulin, ein Freund der Familie, leistet finanzielle Starthilfe zu Asarenkas Weltkarriere. Das geliehene Geld hat sie längst zurückgezahlt.

Einzigartig. Heute ist Asarenka nicht mehr eine beliebige Spielerin unter vielen. In Scottsdale und Monte Carlo, ihrem Hauptwohnsitz, muss sie sich auch nicht mehr mit 39 anderen Mädchen messen. Sie hat ihre Fußabdrücke im Welttennis längst hinterlassen. Asarenka ist das Beste, was das Damentennis aktuell zu bieten hat. Auf dem Platz wirkt sie wie eine Maschine, deren Motor nie ins Stottern gerät. Ihre Blicke, so hat es den Anschein, können töten. Ihre Anfeuerungsschreie übermitteln etwas Furchteinflößendes. Mit der geballten Faust signalisiert sie ihrer Gegnerin Stärke und Siegeswillen. Ein Lächeln trägt sie meist erst nach einem erfolgreich verwerteten Matchball auf ihren Lippen.

„Wenn ich auf dem Platz stehe“, sagt Asarenka, „bin ich ein anderer Mensch.“ Menschen, die ihr nahe stehen, bestätigen diese These. Abseits des Platzes ist die 23-Jährige eine weltoffene, junge Dame, die gerne und viel lacht. Die verbissene Kämpfernatur, die sie in jedem ihrer Matches mit Auszeichnung verkörpert, lässt sich nur erahnen. Viktoria Asarenka schafft den Spagat zwischen „Vollprofi“ und „Mädchen von nebenan“ locker.

Sie pflegt Hobbys wie viele andere Damen auch. Einkaufen etwa. Darüber könnte sie stundenlang reden. Wer Woche für Woche in einer anderen Stadt durch die Straßen spaziert, dem gefällt eben vieles. Besonders schwer fällt es ihr, an Auslagen mit Lederjacken, Schuhen und Taschen vorbeizulaufen. „Aber welches Mädchen liebt diese Dinge denn nicht?“, fragt sie lächelnd. Die Kreditkarte verzeiht alles. Wenig verwunderlich, wenn American Express zu den Sponsoren zählt. Die Werbeindustrie hat Asarenka nicht erst mit ihrem Australian-Open-Sieg Anfang des Jahres für sich entdeckt, wenngleich dieser einen weiteren Popularitätsschub gewährleistet hat.

Asarenka fällt in die Kategorie der Schwerverdiener. In den letzten zwölf Monaten hat sie über zehn Millionen Dollar gescheffelt. Tendenz steigend. „Geld“, versichert sie glaubhaft, „bringt mein Job mit sich. Aber die Millionen sind nicht mein Antrieb.“ Sie zählt lieber Trophäen als Scheine.

Alltag raus. Asarankas Traumberuf kennt freilich nicht nur Ruhm und Reichtum. Auch die Schattenseiten sind ihr bekannt. Ein Tag gleicht oft dem anderen. Training und Matches wechseln sich mit Pressekonferenzen und Autogrammstunden ab. Eine ermüdende Mischung. Erholung vom Alltag findet Asarenka in der Musik. Ihr iPod ist ein Heiligtum. Sogar beim Einmarsch auf den Platz dürfen die Stöpsel im Ohr nie fehlen. „Das wäre für mich undenkbar.“ Abwechslung findet sich auch in der Abendgestaltung wieder. Diskotheken sind – sofern es der Turnierkalender erlaubt – keine Tabuzone. Ihr Trainer, Samuel Sumyk, bezeichnet sie sogar als „Feierbiest“. Asarenkas Selbsteinschätzung klingt da schon etwas jugendfreier. „Ich genieße einfach meine Zeit.“

Die intimen Momente im Leben der Viktoria Asarenka sind rar geworden. Für Unternehmungen mit Freunden bleibt wenig Zeit. „Manchmal kann all dieser Trubel schon richtig stressig werden“, sagt sie und ergänzt: „Aber wenigstens halten sich die Fragen nach meinem Privatleben in Grenzen.“ Über ihre Beziehung zu Sergei Bubka, dem Sohn der gleichnamigen ukrainischen Stabhochsprunglegende, ist tatsächlich wenig bekannt. Gemeinsame Fotos des Liebespaares finden sich im Internet nur eine Handvoll. Kennengelernt haben sich die beiden – natürlich – auf dem Tennisplatz. Bubka junior ist auch Tennisprofi, wenngleich weit weniger erfolgreich. Der Sprung in die Top 100 blieb ihm bislang verwehrt. Das Mixed-Doppel verbringt – so es der Turnierkalender erlaubt – vertraute Tage in Monte Carlo. Über Tennis wird nicht viel gesprochen. „Sonst würden wir irgendwann wahnsinnig werden. Für unsere Beziehung ist es besser so“, sagte der 25-Jährige in einem Interview.


Anekdoten. Asarenka ist eine Spielerin mit Ecken und Kanten. Auch deshalb, weil sie kein Problem damit hat, auf YouTube über Verbotenes zu sprechen. Im zarten Alter von 16 Jahren setzte sich sich ohne Führerschein in ein Auto und fuhr los. „Ich hatte Glück, dass ich nicht von der Polizei erwischt wurde“, lacht sie heute über ihren illegalen Tritt aufs Gaspedal. Asarenka ist immer gut für eine Geschichte, die zum Schmunzeln anregt. Weil ihr Geschrei auf dem Platz in den dreistelligen Dezibelbereich vordringen kann, sprach sie ein Reporter beim Turnier in Doha darauf an – und sollte kurz darauf verdutzt und mit weit aufgerissenen Augen vor ihr stehen. „Schnarchen Sie?“, entgegnete die smarte Weißrussin. „Können Sie Ihr Schnarchen kontrollieren? Es gibt gewisse Möglichkeiten, aber Sie schnarchen trotzdem, richtig? Deshalb ist das auch etwas Natürliches für Sie, richtig? Also, daher ist das Stöhnen auf dem Platz auch für mich etwas Natürliches. Das ist eben die Art, wie ich Tennis spiele. Und sie begleitet mich schon meine gesamte Karriere.“

Linzer Starauflauf. Ab Montag, wenn Viktoria Asarenka die ersten Bälle schlägt, ist es auch in der Linzer Tips-Arena vorbei mit der Ruhe. Die Weißrussin ist in einem illustren Starterfeld mit der Serbin Ana Ivanović, der Slowakin Dominika Cibulková, dem deutschen Trio Julia Görges, Sabine Lisicki und Andrea Petković sowie Tamira Paszek der unumstrittene Star. Turnierdirektorin Sandra Reichel ist stolz auf ihr Aushängeschild. „Das ist die 13. Nummer-1-Spielerin von insgesamt 22, die wir in Linz bislang begrüßen durften.“ Reichel gelingt es konsequent, die Elite nach Oberösterreich zu lotsen. Nur wie? „Es ist eine Mischung aus mehreren Faktoren. Linz genießt bei den Spielerinnen einen ausgezeichneten Ruf. Der Spieltermin ist gut. Und am Ende muss natürlich auch das Geld stimmen.“ Mit Asarenka wurde bereits im März der Kontakt hergestellt. Sie tritt zum ersten Mal in Linz an.

Vor dem Turnierstart stand Reichel mit Asarenkas Management täglich in Kontakt. Ein Prozedere, das sie bei der 22. Auflage nicht mehr aus der Ruhe bringt. Es werden Wünsche bezüglich des Essens und des Hotelzimmers deponiert, auch ein Friseurtermin wurde vereinbart. „Aber solche Dinge gehen häufig vom Management aus. Die Spielerin selbst ist meist sehr unkompliziert.“ Reichel hat in Linz schon vielen Größen die Hand geschüttelt. An manche Gäste erinnert sie sich besonders gern zurück. „Bei Venus Williams' Autogrammstunde in der Stadt sind die Menschen Schlange gestanden. Sie hat das Turnier auf das nächsthöhere Level gehoben.“ Auch Maria Scharapowa hinterließ einen bleibenden Eindruck. Von einer überheblichen Diva war keine Spur. „Sie war herzlich und nett. Ein echter Vollprofi.“ Nichts anderes erwartet sie von Viktoria Asarenka.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.10.2012)

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