Wimbledon: Je älter, desto besser

Ein 40-jähriger Grand-Slam-Gewinner ist für ATP-Arzt Bill Norris keine Utopie mehr, sondern wäre logische Folge besserer Methodik und Medizin. „Und, die Spieler sind fitter denn je.“

Aus wissenschaftlicher Sicht könnte Rafael Nadal auch noch in zehn Jahren in Wimbledon zu sehen sein.
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Aus wissenschaftlicher Sicht könnte Rafael Nadal auch noch in zehn Jahren in Wimbledon zu sehen sein.
Aus wissenschaftlicher Sicht könnte Rafael Nadal auch noch in zehn Jahren in Wimbledon zu sehen sein. – REUTERS

London. Ein 40-jähriger Tennissieger und Grand-Slam-Gewinner? Warum nicht, sagt der ehemalige ATP-Chefarzt Bill Norris in Wimbledon. Zwar sehe er keine „Dinosaurier“, doch Sieger jenseits der 30 sind gängig im Spitzensport, speziell im Tennis. Dass der Australier Ken Rosewall 1972 in Melbourne im Alter von 37 Jahren triumphiert hat,sei für Norris die Messlatte. Der Spitzensport verändert sich, und mit ihm Training, Ernährung oder Lebenserwartung.

Rosewall selbst scheiterte zwar 1974 daran, diese Marke weiter hinaufzuschrauben, weil ihm in Wimbledon ein 22-jähriger ungestümer Amerikaner namens Jimmy Connors die Show gestohlen hat, doch 45 Jahre später nähert sich das Tennis wieder langsam an diesen Altersrekord. Norris, der 35Jahre lang im Tennis jeden Bruch oder Sehenriss mitdiagnostiziert hat, sagt: „Meine Theorie ist nicht an den Haaren herbeigezogen, die Wissenschaft bestätigt sie sogar. Die Spieler der Gegenwart sind fitter denn je, sie sind besser vorbereitet denn je.“

 

Top fünf der Welt über 30

Zum ersten Mal seit Rod Laver 1969 könnte in London der vierte Grand-Slam in Serie von einem Ü30-Spieler gewonnen werden. In New York jubelte im Herbst 2016 Stan Wawrinka, der Schweizer war 31 Jahre alt. In Australien gewann Landsmann Rodger Federer als zweitältester Grand-Slam-Sieger im Alter von 35 Jahren und 174 Tagen. In Paris führte zum bereits zehnten Mal an Rafael Nadal, 31, kein Passierschlag vorbei.

In Wimbledon sind erstmals die Top fünf der Weltrangliste – Murray, Novak Djoković, Federer, Nadal und Wawrinka – über 30. Die Rekordzahl von sieben Spielern (Kevin Anderson, Gilles Muller, Tomas Berdych) dieser Altersklasse serviert erstmals auch in der zweiten Turnierwoche. Aus anderer Sicht ist allerdings auch ein anderer Rückschluss zulässig: Die Zukunft gehört Dominic Thiem. Der Niederösterreicher ist 23 Jahre alt.

Norris, 74, gilt als Insider des Sports, als Doyen der Tennismedizin haben seine Aussagen Gewicht. „Die Spieler in ihren Dreißigerjahren sind die Begünstigten der Sportwissenschaft, der guten Ernährung und aller anderen verschiedenen Disziplinen.“ Nicht nur Tennis, sondern auch in allen anderen Sparten werden „Sportler produziert, die schneller und stärker sind als ihre Generationen zuvor.“ Dass bei manchen chemische Substanzen mithelfen, diesen Umstand wollte Norris gar nicht verschweigen. Er formulierte es diplomatisch: Man sei „ständig auf der Suche nach der Grenze, um sich besser zu machen. Und wir haben jetzt diese Werkzeuge, die uns dabei helfen, anderen Belastungen standzuhalten.“ Doch im Fall von Tennis-, speziell aber Grand-Slam-Siegern, sah er doch ausschließlich Talent und Können als ausschlaggebendes Element.

Dass mit höherem Alter mehr Verletzungen auftauchen, ist normal. Nadals Knieprobleme, das schmerzhafte Handgelenk, Federers Kniesehnen, Norris hätte noch mehr aufzählen können, nannte aber explizit nur die beiden. Der Form halber, weil Wimbledon läuft, es Ausnahmegrößen wären – vor allem auch in puncto Athletik.

 

Evergreen Venus Williams

Todd Ellenbecker, neuer Chef der ATP-Medizin, lobte die Fitness der Spieler, die damit Verletzungsrisken „gewaltig reduzieren“, aber niemals gänzlich löschen könnten. „43 Spieler aus den aktuellen Top 100 der Welt sind über 30. Es gibt On- und Off-Court-Trainings, Begleitmaßnahmen wie Massagen oder Vorsorgen und weitaus verbesserte Rehabilitationsprogramme.“ Das wirke sich positiv aus, mache die Rückkehr leichter, schließe Altersgrenzen aus.

Je älter, desto besser, dieses Credo gilt bei den Frauen nur bei ganz wenigen Ausnahmen. Etwa für Venus Williams: Die 37-jährige Amerikanerin löschte bei ihrer 20. Wimbledon-Teilnahme und ihrem 75.Grand-Slam-Turnier bereits im Achtelfinale den Altersrekord von Martina Navrátilová aus dem Jahr 1994. Nach dem 6:3-6:2-Sieg gegen die Kroatin Ana Konjuh steht sie im Viertelfinale und träumt weiter vom sechsten Wimbledon-Sieg und dem Rekord.

Im Einzel ist seit dem Vorjahr ihre Schwester Serena Williams Rekordhalterin, sie siegte im Alter von 34 Jahren und 287 Tagen. Den Allzeitrekord hält Navrátilová, die 2006 mit 49 Jahren und 46 Wochen die US Open im Mixed gewann.


Damen, Achtelfinale: Muguruza (ESP-14) – Kerber (GER-1) 4:6, 6:4, 6:4, Halep (ROM-2) – Asarenka (BLR) 7:6(3), 6:2, Konta (GBR-6) – Garcia (FRA-21) 7:6(3), 4:6, 6:4, Vandeweghe (USA-24) – Wozniacki (DEN-5) 7:6(4), 6:4.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.07.2017)

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