Analyse

Dominic Thiems verlorener Trumpf

Einst überragend in Entscheidungssätzen, hat der Österreicher an Nervenstärke eingebüßt. Das belegen Statistiken – und sein Achtelfinal-Aus bei den US Open.

Thiem:  „Ich habe das Gefühl, dass ich spielerisch letztes Jahr hier besser gespielt habe als dieses Jahr.“
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Thiem:  „Ich habe das Gefühl, dass ich spielerisch letztes Jahr hier besser gespielt habe als dieses Jahr.“
Thiem: „Ich habe das Gefühl, dass ich spielerisch letztes Jahr hier besser gespielt habe als dieses Jahr.“ – (c) GEPA pictures

New York/Wien. Was Dominic Thiem in die Weltspitze gebracht hat, ist in den vergangenen Monaten verloren gegangen. Seit Mitte Mai in Rom hat Thiem keinen Entscheidungssatz, also keinen dritten Durchgang auf der ATP-Tour oder keinen fünften bei einem Grand-Slam-Turnier, mehr gewonnen. Die Fünfsatz-Niederlage im US-Open-Achtelfinale gegen Juan Martin Del Potro (6:1, 6:2, 1:6, 6:7 (1), 4:6) war nun die vierte am Stück, bei der Thiem im Entscheidungssatz gescheitert ist.

Begonnen hat diese Misere in Wimbledon gegen Tomáš Berdych, fortgesetzt hat sie sich auf der US-Hartplatztour gegen Kevin Anderson und Diego Schwartzman – zwei Partien, die Thiem wie auch zuletzt gegen Del Potro nach mindestens einem vergebenen Matchball noch verloren hat.

Noch in New York erklärte der 24-Jährige: „Ich habe das Gefühl, dass ich spielerisch oder auch generell letztes Jahr hier besser gespielt habe als dieses Jahr.“ Tatsächlich hatte er 2016 mit 22:3 eine überragende Bilanz was „Decider“, also Entscheidungssätze, betrifft. Ein Wert, den auch Andy Murray, der beste Spieler des Vorjahres, nicht erreicht hatte (19:6). Bei diesen 22 Siegen des Österreichers finden sich Gegner wie Rafael Nadal, Roger Federer, Marin ?ilić oder Gaël Monfils, die drei Niederlagen kassierte er gegen Djoković, Alexander Zverev und Kohlschreiber. 2017 ist Thiems Bilanz in Entscheidungssätzen bisher eigentlich mager: 5:8.

Ob Thiem und Günter Bresnik – der Coach ist kein Freund von Mentaltraining – auf solche Zahlen Wert legen oder nicht, sie gehen an keinem Spieler spurlos vorbei. Obwohl beim US-Open-Aus viel zusammenkam: Ein angeschlagener Gegner, der zwei Tage mit Fieber im Bett gelegen war und während der Partie Paracetamol-Tabletten einwarf, eine schwindende 2:0-Satzführung, Davis-Cup-Stimmung auf dem überfüllten Grandstand (8125 Zuschauer) zugunsten des Champions von 2009, gegen den der vermeintliche Favorit Thiem zuvor noch keinen Satz hatte gewinnen können.

Endgültig kippte die Partie bei Thiems 5:2-Führung in Satz vier: Statt bei 30:30 auszuservieren folgte einem Doppelfehler eine meterweit ins Aus gehämmerte Vorhand. Bei den beiden vergebenen Matchbällen noch schuldlos (Del Potro wehrte mit Assen ab), war Thiem im anschließenden Tiebreak völlig verunsichert, Del Potro durfte im fünften Satz zudem vornewegservieren. Aus Angst vor dessen Vorhand beendete Thiem die Partie mit einem Doppelfehler.

 

Erst New York, dann Wels

Seine Karrierebilanz in Fünfsatzpartien lautet 3:4, auch Jungstar Zverev hat dasselbe Manko (3:4). Thiem kann diese Bilanz bald ausbessern, beim Davis Cup ab 15. September in Wels gegen Rumänien (Play-off Europa/Afrika-Zone 1), auf einer im Gegensatz zu New York denkbar unspektakuläreren Bühne. Aber Thiem ist ohnehin der Letzte, der Dinge schönredet. „Ich denke nicht, dass man eine verkorkste Hartplatz-Tournee so stehen lassen kann, sondern muss hinterfragen, was genau passiert ist.“ Er weiß, auf der Tour bekommt man jede Woche schonungslos aufgezeigt, wo man steht. Vorerst reicht das bei Thiem für die Top Ten und die ATP-Finals in London, sogar mit einem gewissen Sicherheitspolster. Das allein ist schon bemerkenswert, aber auch den zahlreichen Ausfällen an der Weltspitze geschuldet, die Thiem nun ausnützen muss. (joe)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.09.2017)

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