Wiener Neustadt. „Die einen glauben, man ist nur ein Handtuchhalter, die anderen überschätzen das ein wenig.“ Irgendwo dazwischen sieht Clemens Trimmel das Amt des Non-Playing-Captain eines Davis-Cup-Teams. Der 33-Jährige steht ab Freitag vor seiner Feuertaufe als Österreichs Kapitän. In der Arena Nova in Wiener Neustadt erwartet die ÖTV-Auswahl die favorisierten Russen zum Erstrundenduell in der Weltgruppe.
Sein Team, bestehend aus Jürgen Melzer, Andreas Haider-Maurer, Alexander Peya und Oliver Marach kommt mit dem neuen Mann, der erst 33 Jahre alt ist, gut zurecht. Kein Wunder, war Trimmel doch der erklärte Wunschkandidat der Spieler. Die Unterschiede zu Vorgänger Gilbert Schaller sind groß, meint etwa Österreichs Nummer eins, Jürgen Melzer: „Trimmel und Schaller sind zwei völlig unterschiedliche Typen. Da kann man keine Vergleiche ziehen.“ Melzer ist vom Ehrgeiz des neuen Mannes jedenfalls überzeugt: „Er macht seinen Job sehr, sehr gut. Nicht besser, nicht schlechter, aber von der Art und Weise komplett anders als Schaller.“
Kommunikator Trimmel
Ein Unterschied ist im Training dennoch deutlich geworden: Trimmel kann richtig laut werden. „Es ist wichtig, da ein wenig Emotion reinzubringen“, meint der Kapitän. Seine Spieler schätzen zudem Trimmels Fähigkeiten als Kommunikator und das Feedback.
Für einen Sieg über Russland muss das ÖTV-Team aber noch viel mehr in die Waagschale werfen. Melzer beziffert die Chancen mit 60:40 für die Russen: „Die haben einfach eine höhere Leistungsdichte in der Mannschaft. Doch wenn wir unsere optimale Leistung bringen, können wir am Sonntag jubeln.“ Ein Vorteil könnte der langsame Opticourt-Hartplatzbelag sein, der den 30-Jährigen an einen Sandplatz erinnert. Längere Ballwechsel sind somit garantiert.
Die Paarungen für die beiden Einzel am Freitag stehen noch nicht fest, die Auslosung erfolgt am Donnerstag. Jürgen Melzer und Andreas Haider-Maurer stehen jedenfalls parat, um gegen Zagreb-Turniersieger Michail Juschnij und Alex Bogomolow aufzuschlagen. „In mein Match kann ich ganz locker gehen. Juschnij oder Bogomolow sind Favoriten, sie haben den Druck“, meint der Zwettler Haider-Maurer vor seinem ersten Davis-Cup-Spiel auf (nieder)österreichischem Boden. Über die Aufstellung für das Doppel hat sich Trimmel noch keine Gedanken gemacht. „Ich habe drei Weltklasse-Doppelspieler zur Auswahl.“
Bei all der guten Stimmung gibt es nur einen Misston. Trimmel hatte Toptalent Dominic Thiem als Sparringpartner eingeladen. Der 18-Jährige lehnte dankend ab. Trimmel zeigte sich enttäuscht, meinte aber: „Beim nächsten Mal werde ich ihn wieder einladen.“
Das nächste Mal – das soll nach Wunsch das Viertelfinale Anfang April sein. Österreich hat allerdings eine matte Bilanz in der Weltgruppe. 1995 schaffte der ÖTV zum vierten und bis dato letzten Mal den Aufstieg. Damals wurde Spanien mit 4:1 bezwungen. Während Thomas Muster dabei Sergi Bruguera aus dem Dusika-Stadion schoss, klapperte der 16-jährige Trimmel lateinamerikanische Satellite-Turniere ab. Nun hat er die Chance auf einen eigenen Davis-Cup-Erfolg. Gelingt es, muss er sich nie wieder dem Vergleich mit einem Handtuchhalter stellen.
Fast 24 Jahre nach dem ersten Aufstieg des Davis-Cup-Teams in die Weltgruppe der besten 16 Nationen geht es für Melzer und Co. ab Freitag in Wr. Neustadt einmal mehr um den Einzug ins Viertelfinale. Gelingt in der Arena Nova der Heimsieg gegen Russland, bleibt dem ÖTV-Team erstmals seit 1995 das Abstiegs-Play-off erspart.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.02.2012)
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