Vierschanzentournee: Die Bürde von Sven Hannawalds Erben

26.12.2012 | 18:04 |  MARKKU DATLER (Die Presse)

Zwei Deutsche sollen Österreichs Adler abfangen: Andreas Wellinger und Severin Freund peilen den ersten DSV-Sieg seit 2002 an. Tipps erhalten sie vom Vorarlberger Werner Schuster, er ist ihr Trainer.

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Oberstdorf. Im Allgäu ist es kurz nach Weihnachten mit der geliebten Beschaulichkeit wieder einmal vorbei. Macht der Tross der Vierschanzentournee in Oberstdorf Station, kehren mit den Skispringern tausende Fans, TV-Stationen und Journalisten in den Kur- und Ferienort ein. Heuer wird aber, erstmals seit vielen Jahren, ein enormer Ansturm erwartet.

Deutschlands Skispringer sind zu Sieganwärtern avanciert, Severin Freund gewann zwei Weltcupbewerbe und Andreas Wellinger, 17, hat sich als Shootingstar positioniert. Deutschland hofft darauf, Martin Schmitts und Sven Hannawalds „Erben“ zu Siegen springen zu sehen – vor allem gegen die erfolgsverwöhnten Österreicher. Dass mit Werner Schuster ein Vorarlberger dem DSV im Duell gegen den ÖSV auf die Sprünge hilft, gibt Zuversicht. Immerhin war er Gregor Schlierenzauers Mentor.

 

Der Jungstar zögert noch

Seit 2008 sucht Schuster schon nach dem neuen deutschen Superstar und sowohl Freund als auch Wellinger wird zugetraut, den ersten DSV-(Tages-)Sieg seit Hannawald 2002 zu bewerkstelligen. Gelingt schon zum Auftakt am 30.Dezember der große Sprung, ist nicht ausgeschlossen, dass wieder ein Skisprung-Hype entsteht.

Das Ganze hat jedoch ein paar Haken. Einerseits ist die Vormachtstellung von Titelverteidiger Gregor Schlierenzauer deutlich, der Stubaier hat 43 Weltcupsiege zu Buche stehen und in dieser Saison bereits drei Konkurrenzen gewonnen. Und Wellinger weiß noch nicht so recht, wie er mit dem Rummel umgehen soll.

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Nahezu verlegen lächelt der 17-Jährige in die Kameras. Es ist die erste Weltcupsaison, die der Teenager aus Oberstdorf bestreitet. Doch seine Aussagen lassen erkennen, dass er sich nicht verstecken wird. „Ich habe nichts zu verlieren, es ist meine erste Tournee. Ich gehe gelassen mit der derzeitigen Situation um.“ Und dann lächelte Wellinger wieder verlegen.

Erst sieben Weltcupspringen hat der Schüler des Skiinternats in Berchtesgaden absolviert. Er ist in der Gesamtwertung Vierter, und das genügt dem deutschen Boulevard, ihn schon als neuen Überflieger zu feiern. Von dieser Bürde will Schuster aber nichts wissen. Er stellt sich schützend vor den jungen Mann, den er erst im vergangenen Sommer aus dem C-Kader geholt hat. Er ist ein „interessanter, junger Mann. Er hat mich überzeugt, den Burschen nehme ich mit“, sagt Schuster. Ein Vergleich mit Schlierenzauer läge nahe, der Trainer wolle sich tunlichst hüten, ihn zu ziehen. Ein Seriensieger, Weltmeister und Champion dort, ein aufstrebendes Talent da, es liegen „Welten“ dazwischen.

Ein schlaksig anmutender Teenager und Freund, 24, tragen dennoch die Hoffnungen. Mit dem Geplapper um den möglichen Gesamtsieg wollte sich Schuster erst gar nicht beschäftigen. Das könne man erst im Verlauf der Tournee in Erwägung ziehen, Tagessiege und Podestplätze aber sind vorab nicht ausgeschlossen.

 

Lokalmatador aus Oberstdorf

Es stimmt verwunderlich, dass nicht Freund, sondern Wellinger im Rampenlicht steht. Doch er verkörpert den Traum vom „Teenie-Wunder“. Er ist erst frisch dabei, ein neues Siegergesicht, obwohl er erst einmal im Continental Cup, der Nachwuchsserie für Skispringer, gewonnen hat. Wellinger eignet sich aber für die Vermarktung. Er ist der Lokalmatador, ein Bayer.

Wellinger kann vorerst auch nur aus Erzählungen oder den TV-Bildern von damals ahnen, in was er da „hineingeraten“ ist. Doch er versteht es, mit seinen Geschichten die Medien in seinen Bann zu ziehen. Er hatte als Sechsjähriger Hannawalds Höhenflug gesehen und dachte bis Anfang dieses Sommers noch, dass er „wie der erste Mensch springe“. Doch Schusters Zureden sowie immer bessere Sprünge und eine stabiler werdende Technik bewirkten einen Sinneswandel. „Es geht doch“, sagte er und blickte wieder verlegen in die Kameras.

Dass Deutschland eine neue, große Skisprunghoffnung hat, ist übrigens einzig und allein Wellingers „Faulheit“ zu verdanken, sagt er. Seine Sportausbildung hat er beim SC Ruhpolding genossen, er wollte eigentlich Kombinierer werden. Weil er dann doch „zu faul für den Langlauf war“, wurde er eben Skispringer.

Auf einen Blick

Skispringer Andreas Wellinger, 17, trägt Deutschlands Hoffnungen bei der Vierschanzentournee. Der Oberstdorfer bestreitet seine erste Weltcupsaison, er ist aktuell Vierter im Gesamtweltcup. Der Auftakt erfolgt am 30. Dezember. [APA]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.12.2012)

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