Ski alpin: Reichelts Höllenritt in das Geschichtsbuch

29.12.2012 | 13:38 |  von Christoph Gastinger (Die Presse)

Hannes Reichelt gewann zeitgleich mit dem Italiener Dominik Paris den Abfahrtsklassiker in Bormio. Klaus Kröll wurde mit zwei Hundertstelsekunden Rückstand nur noch Vierter.

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Hannes Reichelt blickte ungläubig auf die Anzeigetafel im Zielraum von Bormio. Neben seinem Namen leuchtete die „1“. Da störte es auch kein bisschen, dass er die 3270 Meter lange „Stelvio“ gleich schnell hinuntergebrettert war wie der Italiener Dominik Paris. „Den Einser habe ich nach dem Abschwingen schon lange nicht mehr gesehen“, lächelte Reichelt, „nach den letzten Rennen bin ich eher auf eine Sekunde oder mehr Rückstand vorbereitet.“ Doch an diesem Samstag sollten die anderen Rückstand haben – wenngleich verschwindend wenig.

Aksel Lund Svindal war nur eine Hundertstelsekunde langsamer als das Siegerduo. Der Norweger nahm die „Niederlage“ gewohnt sportlich. „Das passt schon. Auch wenn es nur eine Hundertstelsekunde ist, ich war Drittschnellster. Ich bin zufrieden damit“, sagte Svindal, der angeschlagen in das Rennen ging und mit der Kraft nach zwei Minuten Fahrzeit, wie viele seiner Kollegen, am Ende war. Über den Rennverlauf konnte aber auch der Skandinavier nur den Kopf schütteln. „Als ich im Ziel war und den Rückstand sah, dachte ich zuerst, dass ein Fehler vorliegen muss. Ich habe damit gerechnet, Zweiter zu sein. So ein verrücktes Rennen habe ich noch nie erlebt“, schmunzelte Svindal.

Das Unerklärbare. Nur ein gequältes Lächeln huschte Klaus Kröll über die Lippen. Dem Steirer blieb mit zwei Hundertstelsekunden Rückstand nur der undankbare vierte Platz. Eine solch knappe Entscheidung gab es im Skiweltcup noch nie. „Da fühlt man sich ein bisschen wie der Depp vom Tag“, schnaufte der 32-Jährige und sorgte damit für den Sager des Wochenendes. Das Zustandekommen des vierten Platzes nahm Kröll sichtlich mit, ihm war naturgemäß nicht zum Spaßen zumute. Kröll sprach von einem „extrem bitteren“ Rennausgang. „Bei einer so schweren Abfahrt geht es für gewöhnlich nicht so eng zur Sache, da rechnet man nicht mit so etwas.“ Kröll lag im oberen Streckenabschnitt zunächst zurück, zeigte dann aber seine Klasse. Bei der letzten Zwischenzeit führte der Routinier zwei Zehntelsekunden. „Dann ist mir leider ein bisschen die Kraft ausgegangen“, kommentierte Kröll, der den Abfahrtsklassiker als einer der Topfavoriten in Angriff nahm. Wie in den vorangegangenen beiden Jahren hatte der Öblarner im Training Bestzeit markiert, im Wettkampf sollte er abermals nicht der Schnellste sein. „Im nächsten Jahr werde ich versuchen, keine Trainingsbestzeit aufzustellen“, flüchtete sich Kröll in Sarkasmus.
Dass nicht der amtierende Abfahrtsweltcupsieger, sondern der gebeutelte Hannes Reichelt für den ersten Saisonsieg der ÖSV-Speedherren sorgte, kam für alle Beteiligten überraschend. Der Salzburger hatte in den bisherigen Abfahrten in Lake Louise (18.), Beaver Creek (24.) und Gröden (38.) mit schwachen Leistungen Rätsel aufgegeben. In Bormio fand der 32-Jährige plötzlich wieder zurück in die Erfolgsspur. „Ich habe in den letzten Wochen viel am Material getüftelt, bin heute auch endlich wieder gut Ski gefahren“, meinte Reichelt, der schon beim Abfahrtstraining am Freitag ein „gutes Gefühl“ gehabt hatte. Erstmals in seiner langen Karriere gewann er eine Abfahrt, insgesamt nahm er zum sechsten Mal auf dem obersten Treppchen Platz.

Die Stelvio mag Reichelt. „Dieser Sieg hat für mich eine Riesenbedeutung. Das war ein echter Höllenritt“, lachte Reichelt, nachdem er die Stelvio, die von den Athleten gerne auch als „Bestie“ bezeichnet wird, bezwungen hatte. Das Glückskind des Tages hatte an Ort und Stelle bereits 2008 eine besonders erfreuliche Erfahrung mit knappen Vorsprüngen gemacht: Beim damaligen Weltcup-Finale gewann er den Super-G mit einer Hundertstelsekunde Vorsprung auf den Schweizer Didier Defago. Weil Defagos Landsmann Didier Cuche ohne Punkte blieb, gewann Reichelt sogar noch die kleine Kristallkugel – mit einem Punkt Vorsprung.
Reichelt hat sein WM-Ticket in der Abfahrt vor den Jänner-Highlights in Wengen und Kitzbühel bereits gelöst. Neben ihm ist auch Kröll, der in der Disziplinenwertung hinter Svindal und Paris Dritter ist, für Schladming gesetzt. Im Kampf um die übrigen zwei Startplätze entwickelt sich im ÖSV-Abfahrtsteam ein offenes Rennen.
Florian Scheiber und der noch rekonvaleszente Max Franz verfügen über die besten Karten. Neben dem Duo haben auch Georg Streitberger, Joachim Puchner, Romed Baumann und Matthias Mayer noch die realistische Chance, mit starken Ergebnissen auf den WM-Zug aufzuspringen. Den Druck, für den ersten ÖSV-Abfahrtssieg seit Krölls Triumph am 3. März 2012 in Kvitfjell zu sorgen, sind sie alle los.

Ergebnis der Bormio-Abfahrt:

1. Hannes Reichelt (AUT) 1:58,62
1. Dominik Paris (ITA) 1:58,62
3. Aksel Lund Svindal (NOR) 1:58,63
4. Klaus Kröll (AUT) 1:58,64
5. Johan Clarey (FRA) 1:58,94
6. Werner Heel (ITA) 1:59,04
7. Travis Ganong (USA) 1:59,11
8. Romed Baumann (AUT) 1:59,28
9. Christof Innerhofer (ITA) 1:59,29
10. Adrien Theaux (FRA) 1:59,32
11. Peter Fill (ITA) 1:59,61
11. Stefan Keppler (GER) 1:59,61
13. David Poisson (FRA) 1:59,77
14. Andreas Romar (FIN) 1:59,81
15. Benjamin Thomsen (CAN) 1:59,87

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.12.2012)

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