Goldi – ein bisschen Spaß muss immer sein

29.12.2012 | 18:03 |  von MARKKU DATLER (Die Presse)

Andreas Goldberger wurde über Nacht berühmt, "flog wegen der Kokain-Affäre brutal auf die Nase", kam wieder zurück und gilt auch in der Gegenwart als Star. Ein "Presse"-Interview.

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Vor 20 Jahren, bei der Tournee 1992/1993, eroberte ein junger Oberösterreicher mit Giftschüppel, roten Backen und breitem Grinser die Skisprungwelt. Welche Erinnerungen haben Sie heute noch daran?

Andreas Goldberger: Ich habe jeden einzelnen Moment bis heute nicht vergessen. Es war ja zugleich meine Tournee-Premiere, das haben viele mittlerweile vergessen. Ich hab' auf Anhieb gewonnen! Ich war Zweiter in Oberstdorf, Dritter in Garmisch – in Innsbruck habe ich meinen ersten Weltcupsieg gefeiert, und weil es so schön war, habe ich in Bischofshofen gleich noch einmal gewonnen. Einmalig!

 

In Bischofshofen brachen dann alle Dämme, sogar der altbewährte Jägerzaun...

Ja, da war was los. Bengalische Feuer, Fahnen, Hymne, die Menschenmassen sind auf mich zug'laufen. Dabei war es ja lange gar nicht sicher, ob ich Tourneesieger war oder nicht doch Noriaki Kasai – die Anzeigetafel war plötzlich ausgefallen! Na, da habe ich schon geschwitzt und gezittert. Verrückt, und dann ist über dem Sieger Goldberger alles zusammengebrochen. Einfach unvergessliche Momente, auch Kasai hat gratuliert – heute sollte ich ihm eigentlich gratulieren. Der Hund springt zwanzig Jahre später ja immer noch im Weltcup...

 

Meinen Sie mit zusammengebrochen, dass sich schlagartig Ihr Weltbild verändert hat?

Ah, geh! Meine Welt hat in diesem Augenblick doch erst so richtig angefangen. Ich schaffte, was zuvor meine Idole erreicht hatten. Pürstl, Neuper, Vettori, Weißflog, Nykänen – das waren Figuren, Stars. Und plötzlich war ich, ein junger Bua aus Waldzell, Oberösterreich, auch Tourneesieger.

 

Sie waren damit auf allen Titelseiten, in TV-Sendungen selbst das Idol. Ist Popularität in dieser Größenordnung noch ein Traum?

Jeder kannte den Goldi, daran hat sich bis heute nichts verändert. Mir taugt das. Natürlich hat sich von einem Tag auf den anderen alles verändert. Dann kamen ja noch drei WM-Medaillen, der Gesamtweltcupsieg, der zweite Tournee-Erfolg – für mich und meine Mama war das alles ein Wahnsinn. Aber das ist mein Leben.

Sie lernten auch die Schattenseiten kennen, waren oft verletzt, die so erhofften Siege blieben aus.

Es gibt nicht immer nur Höhen, sondern auch Tiefen. Irgendwann, nach einem Sturz oder einem schlechten Bewerb, beginnst du nachzudenken, wirklich zu grübeln. Nichts passt mehr, dir fehlen Sicherheit und Selbstvertrauen. Du findest aber den Grund dafür nicht, alles ist nur noch grauslich. Und dann sind auch alle Schulterklopfer verschwunden. Wusch, weg waren's. Und du suchst Ursachen, und wirst nicht schlau daraus. Jeder zeigt mit dem Finger auf dich und sagt: „Warum gewinnt der nichts mehr?“

1997 standen Sie aus ganz anderen Gründen im Blickfeld, die Kokain- und Pass-Affäre polarisierte Österreich. Was ist damals passiert, wie haben Sie das miterlebt?

Es war die schlimmste, schwierigste Zeit in meinem Leben. Ich habe auf die falschen Leut' gehört und einen großen Fehler begangen – für den bin ich auch sofort brutal auf die Nase gefallen. Ich war nicht mehr der Goldi, sondern bin wie ein Krimineller behandelt worden. Da war alles nur noch schlecht, ich will nichts schönreden – es war ein wirklich schlimmer Fehler. Aber wer hat in seinem Leben noch keinen schweren Fehler begangen? Die ganze Sache hat mich geprägt, auch sportlich. Ich habe daraus aber sehr viel gelernt und weiß jetzt, wem ich vertrauen kann, wo mein Zuhause ist.

 

Welche Rolle spielte Ihr im Mai verstorbener Freund und Manager Edi Federer? Er hielt ja immer die schützende Hand über Sie, egal wie groß die Probleme waren.

Ich sage es ganz deutlich: Edi hat mich gerettet! Ohne ihn hätte ich das alles nicht geschafft. Ohne ihn wäre ich nie der Mensch geworden, der ich heute bin. Er hat für mich alles geplant, mir aus dem Schlamassel geholfen und ja, er war auch mein Freund, mehr sogar: Ich fühlte mich immer wie das dritte Kind in seiner Familie. Er war auch bei allen Erfolgen immer dabei. Unvergesslich ist für mich die Schneerolle, die wir im Jahr 2000 nach dem Skiflug-Weltrekord in Planica hingelegt haben. Dabei war er bei den Bewerben immer nervöser als ich! Aber, und das vergesse ich ihm nie: Er hat sich bei Streitfällen und Problemen immer vor mich gestellt, er war mein Puffer. Edi hat sich von allen schimpfen lassen, aber das war ihm auch vollkommen wurscht, solange mir nichts mehr passiert. Er fehlt mir so sehr.

Durch die Zusammenarbeit mit Federer wurde auch ein Marketingfenster geöffnet, das zuvor nur den Skifahrern vorbehalten war – Sie waren der erste Skispringer mit einem Helmsponsor.

Ja, das stimmt! Die jungen Hupfer von heute können sich das wahrscheinlich gar nicht mehr vorstellen, aber es war so. Ich sehe mich deshalb auch als Pionier. Die Zusammenarbeit mit Federer begann gleich nach dem ersten Tourneesieg, 1993 war es. Wenn du gut bist, will jeder etwas von dir. Er hat mir gesagt, dass wir „keine Trittbrettfahrer“ brauchen, sondern es zu zweit schaffen. Federer hat es als Erster im Skispringen verstanden, daraus etwas zu machen und Werbeflächen zu nützen. Von seinem Einsatz und meinen Leistungen profitieren heute noch alle.

Sie sind bei der 61. Tournee als Vorspringer – besser: als „Kamerakind“ – dabei. Würden Sie nicht lieber um den Sieg mitspringen?

Mmh, nein. Jetzt geht es schon. Aber als ich 2005 auf dem Kulm meine Karriere beendete, war es schlimm. Es war furchtbar, ich wollte doch immer nur hupfen. Dann konnte ich nur noch zuschauen, hoffen, mitzittern – wie ein Fan eben. Das war nicht leicht, daran muss man sich ja erst einmal gewöhnen. Aber der Weltcup wäre mir mittlerweile viel zu anstrengend, ich bin ja schon ein Vierziger. Runterspringen schaut immer schön aus, aber die Arbeit, die dahinter steckt, sieht niemand. Training, rund um die Uhr Stress, die vielen Reisen etc. Nein, das ist vorbei. Aus und vorbei.

Wie sehr hat sich das Skispringen mittlerweile verändert?

Also, gesprungen wird noch immer so wie früher (lacht sehr laut). Talent hast du immer gebraucht für das Skispringen, auch das nötige Gefühl. Aber vielleicht ist jetzt der Perfektionismus viel größer geworden als früher, da muss wirklich alles passen. Über die neuen Anzüge kann ich gar nichts sagen, die kenne ich nicht mehr. Aber bei Material und Mensch herrscht immer Perfektion.

 

Thomas Morgenstern und Gregor Schlierenzauer, in gewisser Weise Ihre Erben, beherrschen diese Perfektion...

... und vergessen wir Andi Kofler nicht, der ist ein ganz heißer Tipp! Das sind Jahrhunderttalente für mich, die von Kindertagen an trainieren, vom ÖSV begleitet und von den besten Trainer betreut werden. Natürlich, es gehört Talent dazu, aber ohne die nötigen Strukturen, die Toni Innauer oder auch Alexander Pointner geschaffen haben, geht gar nichts. Das sieht man ja. Warum sonst holen sich die Deutschen und Norweger unsere Trainer? Weil in Österreich die Qualität der Arbeit stimmt, das muss auch gesagt werden.

Warum wurden Sie eigentlich nicht Trainer?

Uiii – ich mache lieber meinen Talentecup. Mir taugt es, Kinder zum Springen zu bringen. Trainer gibt es genug, die machen das schon gut, die können beinhart sein, müssen sie ja auch. Aber ich kann das nicht. Ich will motivieren, Spaß haben. Es ist so wie zu meiner aktiven Zeit: Ich will Leute glücklich machen. Sie sollen „a Gaudi“ haben. Skispringen ist aber kein Zirkus, nicht missverstehen.

 

Was verstehen Sie unter beinhart?

Ein Trainer muss für mich ein harter Hund sein. Es geht um Aufbauarbeit, Kondition schinden, immer dahinter sein. Das kann ich nicht. Ich will helfen, motivieren – nicht sekkieren.

 

Alexander Pointner hat seine Athleten also zum Erfolg „sekkiert“?

Nein, er macht seine Arbeit sehr gut, ich kenne ihn ja auch schon ewig. Der weiß, was er tut. Deshalb erwarte ich mir auch jetzt wieder eine Supertournee, mit toller Stimmung. Österreich gegen Deutschland, das gibt wieder Länderspiel-Atmosphäre – so wie früher. Vielleicht gewinnt aber ein Norweger, oder endlich Simon Ammann. Das kann man so genau vorhersagen.

Und selbst vielleicht doch noch einmal mitzuspringenwäre ...

... für mich keine Option. Jetzt hebe ich nur noch mit der Helmkamera ab und schaue mir den Bewerb nachher ganz entspannt an.

Steckbrief

1972
wird Andreas Goldberger am 29.November in Ried geboren. Er wächst in Waldzell auf.

1991
gibt er sein Weltcupdebüt, bis zu seinem Karriereende 2005 feiert er 175 Top-Ten-
Platzierungen, 20Weltcup-, zwei Tournee- und drei Gesamtweltcupsiege.

1994
Am 17.März fliegt Goldberger in Planica als erster Mensch über 200 Meter, steht den Sprung jedoch nicht.

1996
gewinnt er nicht nur auf dem Kulm WM-Gold, sondern sichert sich auch zum zweiten Mal den Skiflug-Weltcup.

2012
arbeitet Goldberger als Skisprung-Experte, Moderator, hält Vorträge und ist Initiator des
„Goldi Talentecups“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.12.2012)

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2 Kommentare
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Der redet ja nur mehr in Plattitüden

Was nimmt der jetzt eigentlich?

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Re: Der redet ja nur mehr in Plattitüden

irgendwas zum junghalten. wie 40 schaut er jedenfalls nicht aus. e schön,wenn jemand sowohl innerlich als äußerlich jung bleiben kann... ich glaub,er spricht einfach identisch- das können auch nicht viele von sich behaupten.

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