Wer auf den »roten Knopf« drückt, gewinnt

29.12.2012 | 18:03 |  von MARKKU DATLER (Die Presse)

Im Skisprung-Weltcup herrscht Unruhe, die umstrittene Windregel und die seit Saisonbeginn von Trainern einsetzbare »freiwillige Anlaufverkürzung« erregen die Gemüter. Wird der Tourneesieger gar vom Computer gekürt?

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Oberstdorf. Gregor Schlierenzauer ist ihr entschiedener Gegner. Viele Fans jubeln nach weiten Sprüngen und wundern sich, warum der Springer zum Schluss nicht gewonnen hat, dafür aber ein anderer, der fünf Meter kürzer gesprungen, aber vom Computer mit wertvollen Punkten belohnt worden ist. Die Windregel ist weiterhin im Skisprung-Weltcup höchst umstritten, und es ist kaum vorstellbar, was passieren würde, gäbe es beim Tourneefinale am Dreikönigstag einen Sieger, der nur dank Bonuspunkten für schlechtere Windverhältnisse und geringeren Abzügen wegen einer anderen Länge der Anlaufspur gekrönt wird.

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Für die kollektive Verwirrung – pardon: TV-Zuschauer sind davon befreit, denn sie bekommen das Insert mitgeliefert und wissen sofort, wer in Führung ist –, sorgt die seit Saisonbeginn von FIS-Direktor Walter Hofer fix installierte Regel. Wer dank ihr gewinnt, wird sich kaum negativ darüber äußern, letztlich sei alles aber nur eine „Frage der Sichtweise“, sagt etwa Schlierenzauer.

Seit Saisonbeginn dürfen Trainer den Schanzenanlauf ihrer Schützlinge freiwillig um eine Luke verkürzen. Es ist als Sicherheitsventil gedacht gewesen, jedoch wird mit diesem Element als taktisches Hilfsmittel nun munter gepokert. „Gedacht war die Regel zur Erhöhung der Sicherheit, aber sie ist auch eine interessante taktische Sache. Der Trainer geht allerdings ein hohes Risiko ein, wenn er sie so einsetzt“, sagt Hofer und nahm damit ÖSV-Trainer Alexander Pointner in die Pflicht.

Zweimal profitierte Andreas Kofler von der „freiwilligen“ Anlaufverkürzung. Er gewann dank der damit verbundenen Bonuspunkte in Sotschi und in Engelberg. „Man setzt es nur ein, wenn man weiß, der Athlet hat das Vertrauen, auch bei verkürztem Anlauf weit zu springen“, kontert Pointner jede Kritik postwendend. Das sei vorab abgesprochen worden, mit jedem. Vor allem aber der Athlet müsse über den Vorgang im Bilde sein. Pointner: „Noch einmal: Es geht um Vertrauen.“

Den Vorwurf, Skispringen werde für Zuschauer unübersichtlicher und kaum noch zu begreifen, weist Hofer zurück. „Es ist legitim, auf etwas Transparenz zu verzichten, wenn wir ein paar Prozentpunkte Sicherheit gewinnen.“ Dafür seien ja alle Aufschreie bezüglich unfairer Bedingungen oder des heimtückischen Rückenwindes regelrecht „ausgestorben“...

Bei der Qualifikation für das Auftaktspringen in Oberstdorf gab es jedenfalls keinerlei Diskrepanzen. Als „Sieger“ durfte sich der Norweger Anders Jacobsen (133,5 Meter) feiern lassen. Alle sieben Österreicher (Schlierenzauer, Morgenstern, Kofler, Loitzl, Koch, Fettner, Hayböck) schafften den Sprung in die heutige Konkurrenz (16 Uhr, ORF1). Topfavorit Schlierenzauer landete bei 131,5 Metern.

Vielleicht wird der (imaginäre) rote Knopf – es ist eine Schaltfläche auf dem Touchscreen – auf dem Trainerturm aber tatsächlich zum Zünglein an der Waage im Kampf um den Gesamtsieg. Pointner glaubt daran nicht: „Jede Tournee schreibt ihre eigene Geschichte.“ Die verfolgt allerdings auch jeder Computer.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.12.2012)

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