Skispringen: Jacobsen überflügelt Schlierenzauer

30.12.2012 | 19:23 |  Markku Datler (DiePresse.com)

Anders Jacobsen gewinnt das Auftaktspringen der Vierschanzentournee in Oberstdorf vor Gregor Schlierenzauer und dem Deutschen Severin Freund.

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Anders Jacobsen hatte seine Skisprungski schon ins Eck gestellt. Der Tourneesieger von 2007 hatte keine Motivation mehr, er war überfordert und wollte einfach nicht mehr. Also nahm sich der 27-Jährige ein einjähriges Timeout.Doch als der Österreicher Alexander Stöckl das Traineramt in Norwegen übernahm und „Magerkuren" abgeschafft wurden, wollte es der gelernte Installateur im vergangenen Sommer wieder wissen.

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Jacobsen kam zurück, schaffte es ins Weltcup-Aufgebot und sorgte beim Auftakt der 61. Vierschanzentournee für die große Überraschung. Der Mann aus Hønefoss (138/139 Meter) siegte vor Gregor Schlierenzauer (134,5/138) und dem Deutschen Severin Freund (138,5/135,5). „Wow, ich wusste gar nicht, dass ich so gut springen kann", stotterte der Norweger und erteilte seinem alten Trainer Mika Kojonkoski einen Seitenhieb: „Vielleicht haben mir auch die vielen Weihnachtskekse Kraft gegeben . . ."

Staunen da, Enttäuschung dort

24.000 Zuschauer trauten in der Schattenbergschanze dabei auch ihren Augen nicht, denn Jacobsens Sprungstil ist eigenwillig. Er rudert oft mit den Händen, und er benötigt wenig Anlauf. Stöckl reduzierte zweimal die Anlauflänge mittels des „roten Knopfes". Und trotzdem war der Norweger auf dem Weg zu seinem siebenten Weltcupsieg nicht zu stoppen. Stöckl war begeistert: „Das ist wie im Märchen, das war ein tolles Kunststück. Aber, es war trotzdem erst der Anfang."

Schon am Neujahrstag geht es in Garmisch-Partenkirchen (14 Uhr, ORF1) weiter. Bis dahin hat auch ÖSV-Cheftrainer Alexander Pointner Zeit, das Erlebte zu verdauen und die teils sehr enttäuschenden Resultate auszuwerten. Denn bis auf Schlierenzauer und Manuel Fettner (7.) hinter den Erwartungen zurück.

Andreas Kofler wurde nach der abschließenden Inspektion wegen eines nichtregelkonformen Anzugs (wie auch schon beim Mixed-Bewerb in Lillehammer) disqualifiziert und verlor daher seinen achten Platz. Koch, Hayböck und Morgenstern ("Es war ein Motivationsproblem") verpassten sogar den zweiten Durchgang.

So sehr Pointner vorab noch betont hatte, dass die Seinen „nicht mehr mit dem Messer zu Wettkämpfen" anreisen würden und auch die Verbissenheit abgelegt haben, so muss sich der Erfolgstrainer nun der Frage stellen, was schief gelaufen sein könnte. Denn schon nach der Konkurrenz in Oberstdorf ist klar: Den fünften Tourneesieg in Serie kann nur noch Schlierenzauer bewerkstelligen. Er hat aber bereits 11,8 Punkte Rückstand auf Jacobsen.

Schlierenzauer hat noch "genug Reserven"

Der 22-jährige Stubaier wirkte jedoch vollkommen gelassen. Er schien es geahnt zu haben, denn so sehr ihm seine Sprünge imponiert hatten, Jacobsen war einfach besser. „Vielleicht wäre mehr drin gewesen", sagte also der Titelverteidiger, der aber an seinen Zielen nichts ändern wollte. Er wolle Matti Nykänens Rekord von 46 Weltcupsiegen knacken, und ja - die Tournee gewinnen. „Garantie dafür gibt's aber keine."

Wind, die Regel mit Anlaufverkürzung und die engen Anzüge hätten seinen Sport „extrem sensibel" werden lassen. „Aber, was will ich? Ein Podestplatz in Oberstdorf, in Garmisch Raketen steigen lassen, in Innsbruck die Atmosphäre genießen und in Bischofshofen die Sektkorken knallen lassen. Ich lebe zum Zeitpunkt X meine Visionen aus: Ich bin Titelverteidiger meines Kindheitstraumes." Dann grinste Schlierenzauer wieder: „Ich habe noch genug Reserven."

Ergebnisse, Oberstdorf

 1. Anders Jacobsen (NOR) 308,6 (138,0/139,0)
 2. Gregor Schlierenzauer (AUT) 297,0 (134,5/138,5)
 3. Severin Freund (GER) 290,8 (138,5/135,5)
 4. Dmitrij Wassilijew (RUS) 282,6 (137,5/138,5)
 5. Tom Hilde (NOR) 281,3 (135,5/138,5)
 6. Simon Ammann (SUI) 280,3 (133,5/139,0)
 7. Manuel Fettner (AUT) 278,7 (136,5/131,0)
 8. Michael Neumayer (GER) 274,6 (136,5/134,5)
 9. Rune Velta (NOR) 272,8 (132,5/134,5)
10. Andreas Wellinger (GER) 272,4 (131,0/127,0)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.12.2012)

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4 Kommentare
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skispringen

qualimodus bei vierschanzentournee ist meiner meinung eine totaler schwachsinn.
da sind gestern leute bei der luckylooser wertung ausgeschieden, die noch immer um 10 m weiter waren als die schlechtesten gewinner einiger ko duelle. wo zählt da also die sportliche leistung?
überhaupt kennt man sich als zuschauer vor ort überhaupt nicht mehr aus, der weiteste sprung muss nicht auch der beste sein. gatepunkte, windpunkte, wertungspunkte, extra punkte für freiwillige verkürzung, total unübersichtlich.

0 0

der Jacobsen ..

hat wohl ein besseres Red Bull entdeckt, ...

7 1

Eigentor, Herr Pointner

Die freiwillige Verkürzung im ersten Durchgang für Schlierenzauer war ein gewaltiges Eigentor. Nach der Verkürzung waren die Windverhältnisse weit schlechter - klassischer Selbstfaller.

Die freiwillige Verkürzung hat auch nur bei konstanten Windverhältnissen einen Sinn, aber doch nicht bei wechselnden.

Re: Eigentor, Herr Pointner

ich denke Herr Pointner wird seine Gründe gehabt haben. Sie haben wohl kaum die Kompetenz dies in Frage zu stellen!

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