Der Sprung in die Vergangenheit

05.01.2013 | 18:12 |  von MARKKU DATLER (Die Presse)

Walter Steinegger ist einer von ÖsterreichsSkisprungpionieren, er war 1953 bei der ersten Vierschanzentournee am Start. Über Bradl, Schlierenzauer und den lästigen Computer.

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Selbstverständlich, sagt Walter Steinegger mit leicht verwundertem Unterton, verfolge er noch immer das Geschehen bei der Vierschanzentournee. Nur weil er bereits 84 Jahre alt sei und seine Sprungskier vor genau 50 Jahren ins Eck gestellt habe, bedeute das doch noch lange nicht, dass er nichts mehr mit dem Sport zu tun habe. „Ich fiebere natürlich noch mit, es macht Spaß. Und die Tournee ist für mich immer ein toller Augenblick.“

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Es sind vier Momente, begleitet von Nostalgie. Denn der Tiroler ist ein Skisprungpionier: Steinegger hob einst mit Josef „Buwi“ Bradl ab, war bei zwei Olympischen Spielen dabei – und er vertrat Österreich 1953 bei der ersten Vierschanzentournee überhaupt. Steinegger, der letzte noch lebende Zeitzeuge dieser Ära, erinnert sich daran auch heute noch so, als wäre es erst gestern passiert. „Aber Skispringen damals und heute, das ist wie Tag und Nacht.“


Erst Marsch, dann Sprung.
Stolz erzählt der Tiroler, der in Seefeld wohnt, dass er mit den Allergrößten seiner Zunft gesprungen ist. Bradl war der Superstar, aber auch er wurde, wie Gregor Schlierenzauer in der Gegenwart, von einem Norweger geplagt: Birger Ruud. Auch mit Schlierenzauers Großvater Josef sei er auf den Schanzen unterwegs gewesen. Mit Pudelhaube, Pullover und „selbst gewachselten Skiern, die wir uns auch selbst kaufen mussten“, sagt Steinegger. „Heute wäre das unvorstellbar, aber noch problematischer war eine ganz andere Sache: Wir mussten zu Fuß – die Ski aus Eschenholz auf dem Buckel – von daheim zum Bergisel marschieren. Wahnsinn.“ So manchem ging da schon auf dem Weg zur Schanze die Luft aus.

Weil ihm diese Erlebnisse so in Erinnerung geblieben sind, kann er das Geschehen bei der 61. Vierschanzentournee auch besser verstehen. 1957 wurde er in Oberstdorf Dritter, oft landete er auch in den Top 10 des Gesamtklassements, zwei fünfte Plätze in der Endabrechnung blieben das Highlight. Aber bei den Olympischen Winterspielen 1952 in Oslo, auf dem magischen Holmenkollen, erzählt Steinegger, „wurde ich als bester Österreicher 14. Bradl hatte einen schweren Durchhänger. Schön war's, aber das IOC hat nur die Reisekosten übernommen, den Rest habe ich selbst bezahlt.“ Geldprämien gab es auch keine, purer Idealismus stand im Vordergrund.


Ohne Hightech, mit Wolle.
Steinegger hat das Skispringen geliebt, obwohl es mit dem von heute „keinesfalls“ zu vergleichen sei. „Es ist mittlerweile ein anderer Sport geworden“, sagt er mit leicht verbitterter Stimme. Statt Kapperl oder Haube trägt man nun Helm. Von Bindungen, Hightechmaterial oder Windnoten ganz zu schweigen. „Unser Kapperl war aus Wolle, und beim Anzug, eigentlich ein Pullover, hat der Wind reingepfiffen – wurscht, ob von hinten oder vorn. Da hast du nichts machen können.“

Damals war allerdings das eigene Geschick viel mehr gefragt, wenn es darum ging, mit schwierigen Verhältnissen umzugehen. Ja, es gab viel Pech, aber auch viel Freud', jedoch ohne die „Einmischung des lästigen Computers und all den komplizierten Programmen, die jetzt den Sieger finden“, sagt Steinegger und spricht damit vielen Skisprungfans aus dem Herzen. Je einfacher eine Sportart ist, desto beliebter kann sie werden. Je undurchsichtiger sie wird, desto größer wird der innere Widerstand gegen das ohnehin schon kaum verständliche Unterfangen.

Auch an den Wertungsrichtern lässt der Skisprungpionier kein gutes Haar. „Wieso bekam Jacobsen für seinen verwackelten Sprung in Garmisch im Endeffekt viel bessere Noten als Schlierenzauer? Wie geht denn das?“ Dennoch, „Schlieri“ werde die Tournee heute in Bischofshofen (16 Uhr, ORFeins) wieder gewinnen, davon sei Steinegger felsenfest überzeugt.

Es habe diese umstrittenen, heißen Tourneeduelle schon immer gegeben. Entweder seien es Norweger, Deutsche, Russen, Finnen oder Japaner gewesen, das gehöre doch dazu, nein, „das stellt doch den Reiz der Tournee dar“.


Ruhm, mit 100 Metern.
Beim Skispringen gehe es aber vorrangig um die jeweiligen Weiten, das bedinge doch schon die Philosophie dieses Sports. Auch gegen Haltungsnoten, schöne Telemarks habe keiner etwas einzuwenden, sagt Steinegger. Aber es müsse nachvollziehbar sein, für jeden, nicht nur den Fernsehkonsumenten. Durch die Entwicklung von Material und Schanzen sind nun viel größere Weiten möglich als einst, als Springer mit rudernden Armen und Holzskiern durch die Luft segelten. „100, 120 Meter waren das Maximum, mehr ging wirklich nicht“, versucht sich Steinegger zu erinnern. „Wer damals an die 100 Meter gesprungen ist, war berühmt.“ Diese Weite sei getrost mit 200Metern in der Gegenwart gleichzusetzen, wer daran zweifle, müsse eben den Computer bemühen und Bonuspunkte sowie Windnoten hinzurechnen, ätzt der Tiroler. Damit sei auch der Vergleich der Generationen bewältigt. Es gibt keinen. Alle waren oder sind noch immer gute Springer, es gibt keine Unterschiede.

Auch heute noch hat Walter Steinegger ab und zu mit dem Wind zu kämpfen, aber vor allem nur dann, wenn er Golf spielt. Goldberger, Innauer, Kogler, Neuper, diese Springer kenne er noch gut, sonst habe er kaum noch Kontakt zu den Adlern. Das heiße aber noch lange nicht, sagt Steinegger laut, dass er die Tournee nicht verfolge. Er sieht jedes Springen zu Hause im Fernsehen. Nur die Anreise ist zu beschwerlich geworden, und angesichts dieser Noten, Computer und fragwürdigen Punkterichter ist alles zu Hause auch viel leichter zu verstehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.01.2013)

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