Peter Hürzeler: Die Hundertstel im Wandel der Zeit

02.02.2013 | 18:12 |  Von Wolfgang Wiederstein (Die Presse)

Bei der Skiweltmeisterschaft in Schladming werden Bruchteile von Sekunden entscheiden. Der Schweizer Hürzeler ist auf diesem Gebiet Experte. Im "Presse"-Interview gibt er Einblicke in seine Arbeit.

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Beim Skifahren ist alles letztlich nur eine Frage der Zeit. Oft entscheiden nur wenige Hundertstel über Gold, Silber oder Bronze. Bruchteile einer Sekunde, die zwar nur schwer vorstellbar, aber messbar sind. Wie darf man sich die Zeitnehmung bei der WM in Schladming vorstellen?

Peter Hürzeler: Wenn eine Piste vom Internationalen Skiverband (FIS) abgenommen wird, dann verlegen wir dort im Sommer die Kabel. In Schladming ist das nicht so schlimm, wobei es für Damen und Herren insgesamt auch 15 Kilometer Kabel sind. Für alle Disziplinen gibt es eine Extraverkabelung. Die ist vorbereitet, der Rest wird dann in diesen Tagen angeschlossen. Aber wir nehmen nicht nur die Zeit, sondern wir produzieren alles, was dazugehört: Zwischenzeiten, Geschwindigkeit, Startlisten, Nummern. Wobei Schladming noch relativ einfach abzuwickeln ist, weil alles an einem Ort stattfindet.

 

Sie stoppen seit 1976 bei Olympia die Zeit, waren auch schon 1982 in Schladming bei der WM dabei. Ihre Erinnerungen an damals?

In der ersten WM-Woche war fast nichts los, es hat nur geschneit und/oder geregnet. Die Veranstalter haben schon Angst um ihre Pisten gehabt. Die zweite Woche war dann sehr anstrengend, weil wir ständig zwischen Haus im Ennstal, wo die Damen gefahren sind, und Schladming pendeln mussten. Und ich weiß noch sehr gut, dass Harti Weirather die Abfahrt gewonnen hat. Diesmal werdet ihr Österreicher aber sicher schon vorher Medaillen gewinnen. Wir wissen gar nicht, wer das Rennen jetzt gewonnen hat, weil wir haben ja nur Nummern. Und eine Zeit. Da fällt mir ein, in Sarajewo 1984 bei Olympia waren die beiden Abfahrten am letzten Tag. Eine um zehn, eine um zwölf Uhr. Auf zwei verschiedenen Bergen. Ein Militärhubschrauber hat uns mitgenommen, und als wir dort ankamen, waren die Vorläufer schon unterwegs. Es kann also ganz schön stressig werden. Unser Job verlangt neben technischem Know-how auch mentale Stärke. Trotz aller Technik liegt es zu 70 Prozent an diesen Menschen, dass die Zeitwiedergabe klappt. Das ist reine Konzentrationssache. Und 30Prozent macht das Material aus.

 

Bei der WM 2011 in Garmisch-Partenkirchen hat es bei einem Damenrennen Probleme mit der Zeitmessung gegeben. Kann sich das wiederholen?

In Garmisch war es eine andere Firma, ein Konkurrent. Ich weiß nicht, was da passiert ist. Ich sage immer, solche Leute bzw. Firmen tun mir leid. Ich wünsche das niemandem. Wir haben eine dreifache Absicherung. Und wenn alle Stricke reißen, kann man wie früher auch nach Tageszeit messen. Start war beispielsweise um 12.01 Uhr. Dann lief die Zeit – und unten im Ziel hat ein zweiter Kollege gestoppt. Die Stoppuhr schreibt die FIS vor, aber das ist in Wahrheit unnötig. Wir brauchen das nicht mehr. Aber das ist Vorschrift. Wenn ein Rennen vorbei ist, werden die Uhren zurückgebracht. Und jeder ist glücklich, dass er nicht auf sie zurückgreifen musste.

 

Irrtümer ausgeschlossen?

Unsere Geräte hängen nicht am Netz – sie funktionieren mit Batterien. Die halten allen Anforderungen stand. Von minus 40 Grad bis plus 50 Grad. Es könnte passieren, dass es einen ganz kurzen Stromausfall gibt. Einen so kurzen, dass es kein Mensch merken würde. Nur eine Zehntelsekunde. Dann wären alle Zeiten verfälscht. Das kann uns somit nicht passieren.

 

Welche Sportart fasziniert Sie persönlich am meisten?

Ich war bei Winter- und Sommerspielen. Ich verfolge alles, was mit Zeitmessung zu tun hat. Wenn wir im Dienst sind, können wir die Veranstaltung leider nicht genießen. Es hat sich eben alles verändert, auch unser Job. Bei den Winterspielen in Garmisch 1936 hatten wir 87 Stoppuhren und einen Uhrmacher im Einsatz. Bei Olympia 2012 in London hatten wir 430 Mann und 420 Tonnen Material dabei. Alleine die Verkabelung im Olympiastadion war sehr aufwendig – 80 Kilometer Kabel. Und du hast so viele Sportarten – und so viele Austragungsorte, die weit voneinander entfernt sein können. Da ist eine Ski-WM schon einfacher.

Erschwert wird unsere Arbeit zum Teil wegen der Sicherheitsbestimmungen. In Vancouver 2010 mussten wir erst einmal jemandem erklären, dass wir auf der Piste einen Schraubenzieher brauchen. Die Kontrollen werden immer schärfer. Bei der Einreise in London etwa haben die alle unsere Computer auf Viren geprüft. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie lange das gedauert hat. Und ich kann mir vorstellen, dass das in Sotschi 2014 noch schlimmer wird.

 

Hat man heute als Meister der Zeitnehmung noch Kontakt zu Athleten?

Ich war in meinem Leben beruflich bisher rund 3700 Tage im Ausland. Früher waren wir oft mit verschiedenen Mannschaften im gleichen Hotel. Wir haben mit allen ein gutes Verhältnis. Wir entwickeln unsere Geräte – ich denke nur an Startblöcke in der Athletik und im Schwimmen – ja gemeinsam mit den Athleten. Das war in Österreich auch immer so. Da sind wir öfters mit Charly Kahr, Hans Pum oder mit Franz Klammer zusammengesessen. Einmal ist auch Werner Grissmann gekommen und hat gemeint: Eure Zwischenzeiten stimmen sicher, aber meine Endzeit kann nicht stimmen... Und für den Hubertus von Hohenlohe haben wir einmal eine Ergebnisliste ausgedruckt, da war er als Erster geführt. Von diesem Papier gibt es aber nur ein Stück.

Es hat sich noch nie ein Fahrer beschwert, niemand ist gekommen und hat gemeint, er hätte das Gefühl gehabt, er sei schneller gewesen. Heute ist es einfach, jetzt werden TV-Bilder übereinandergelegt.

 

Ihre Daten erleichtern auch die Arbeit der Kommentatoren, oder?

Die laufende Zeit wird erst seit 1962 in Kitzbühel eingeblendet. Kommentatoren bekommen noch mehr Informationen als der TV-Zuseher – den würde das überfordern. Wir messen ja auf sechs Stellen hinter dem Komma. Zeitgleiche Sieger gibt es in Wahrheit also nicht. Die FIS will es aber so.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.02.2013)

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